Schubert, Franz

Berliner Philharmoniker Nikolaus Harnoncourt

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berliner Philharmoniker BPHR 150061
erschienen in: das Orchester 11/2015 , Seite 78

Die vor­liegende Box ist nicht nur durch ihr unüblich­es (Quer)Format außergewöhn­lich. Auch ihr Inhalt fällt in vielfach­er Weise aus dem Rah­men. Bei ihrem eige­nen Label leg­en die Berlin­er Phil­har­moniker hier die Ergeb­nisse ihrer Zusam­me­nar­beit mit Niko­laus Harnon­court im Fall der Musik von Franz Schu­bert vor. Dabei geht es nicht nur um die acht Sin­fonien, son­dern auch die bei­den späten Messen und die Oper Alfon­so und Estrel­la. Allein die Ausstat­tung und die Optik dieser Veröf­fentlichung sind opu­lent und gelun­gen. Ähn­lich bib­lio- oder dis­cofil haben die Bam­berg­er Sym­phoniker vor eini­gen Jahren auch ihren Schu­bert-Zyk­lus unter Jonathan Nott vorgelegt (siehe Besprechung in das Orch­ester 7–8/2011, S. 75).
Es emp­fiehlt sich, vor dem Hören der Musik das auf der beigegebe­nen Blu-Ray-Disc – diese bringt alle Auf­nah­men noch ein­mal in Stu­dio-Mas­ter-Qual­ität – enthal­tene Inter­view mit Niko­laus Harnon­court anzuse­hen. In diesem geht es näm­lich nicht nur um Harnon­courts Sicht auf Schu­bert, son­dern auch um die Geschichte sein­er Zusam­me­nar­beit mit den Berlin­er Phil­har­monikern. In bei­den Fällen sind die Äußerun­gen des Musik­ers höchst span­nend und auf­schlussre­ich.
Diese Schu­bert-Samm­lung ist denn auch mehr als nur eine weit­ere Gesamtein­spielung der Sin­fonien Schu­berts oder der späten Messen sowie im Fall von Alfon­so und Estrel­la eine erfreuliche Alter­na­tive zu der Ein­spielung mit der Staatskapelle Berlin unter Otmar Suit­ner zum Schu­bert-Jahr 1978: Sie ist das Doku­ment der ertra­gre­ichen Zusam­me­nar­beit des Toporch­esters mit einem der inno­v­a­tivsten Musik­er der Gegen­wart bei einem Reper­toire, das diesem beson­ders am Herzen liegt. Sie zeigt, wie sich die Berlin­er höchst pro­duk­tiv auf einen Diri­gen­ten aus dem Bere­ich der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is einzu­lassen in der Lage sind und zu welch überzeu­gen­den Ergeb­nis­sen das führt.
Harnon­court ist in diesem Zusam­men­hang bekan­ntlich kein Purist, son­dern hat stets seine eige­nen Vorstel­lun­gen von Werk und Auf­führung. Bei Schu­bert führt das zu Inter­pre­ta­tio­nen frei von (spät)romantischem Bal­last und klan­glich­er Schwere. Doch deshalb ist dieser Schu­bert nicht klas­sizis­tisch leicht­gewichtig. Harnon­court nimmt auch die frühen Sin­fonien sehr ernst und er ent­fal­tet einen speziellen Schu­bert-Ton stets mit wehmütigem Unter­ton und exis­ten­zieller Tiefe. Wie immer, so ent­fal­tet
er auch hier die Par­ti­turen mit großer Sorgfalt und Sprachkraft sowie ein­er faszinieren­den Genauigkeit im Detail. Das sorgte in den meis­ten Fällen für exem­plar­ische Deu­tun­gen. Bei der Drit­ten freilich kann Harnon­court vor allem wegen des etwas zu bre­it genomme­nen zweit­en Satzes Car­los Kleibers unerr­e­ichte Wieder­gabe mit den Wiener Phil­har­monikern nicht erre­ichen.
Doch auch wegen der inten­siv­en Inter­pre­ta­tio­nen der Messen in As-Dur und Es-Dur sowie der unter anderem mit Chris­t­ian Ger­ha­her, Dorothea Röschmann, Kurt Stre­it oder Han­no Müller-Brach­mann exzel­lent beset­zten und von Harnon­cort drama­tisch akzen­tu­ierten Oper – bei allen Vokalw­erken überzeugt auch der Rund­funk­chor Berlin – gehört diese Box zu den Meilen­steinen der Schu­bert-Discografie.
Karl Georg Berg