Werke von John Cage, Enno Poppe, Aribert Reimann und anderen

Berlin FREIZeit

Sarah Maria Sun (Sopran), Bas Böttcher (Slam Poet), Johannes Julius Fischer (Percussion), Kuss Quartet

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Rubikon
erschienen in: das Orchester 05/2022 , Seite 75

Ein paar Töne nur, dann fol­gt schon das charak­ter­is­tis­che Geräusch des Umblät­terns von Noten­seit­en, flott und unisono, wie es sich für ein gutes Stre­ichquar­tett gehört. Die Abschnitte des kurzweili­gen Werks Freizeit, das diese CD eröffnet, wer­den, nach dem ersten auf­fal­l­end kurzen Abschnitt, immer länger und kom­plex­er, basieren aber deut­lich hör­bar alle­samt auf dem­sel­ben sehr kurzen Motiv. Kom­pon­ist Enno Poppe schreibt im Book­let zu dieser CD, dass er die „Keimzelle“ der Musik seinem Werk Zwölf für Vio­lon­cel­lo solo ent­nom­men habe. Die sieben Minuten Musik des Stre­ich-quar­tetts Freizeit, inklu­sive des for­mgeben­den Blät­terns, verge­hen beim Zuhören schnell und unter­halt­sam, obwohl und weil es sich hier um Neue Musik han­delt. Die Musiker:innen müssen ihre Instru­mente selb­stver­ständlich gut beherrschen, damit es zum Genuss wird.
Arib­ert Reimann und Theodor Kirch­n­er haben die Musik für das zweite Werk der CD, Die schö­nen Augen der Früh­lingsnacht, geliefert. Reimann hat seine sieben kurzen Bagatellen für Stre­ichquar­tett (2017) mit sechs bekan­nten, eben­falls kurzen Liedern für Sopran und Stre­ichquar­tett von Kirch­n­er kom­biniert, wobei er sich laut Book­let musikalisch immer von den Liedern Kirch­n­ers inspiri­eren ließ. Das hört man jedoch nicht unbe­d­ingt. Schroff eröffnet die erste Bagatelle, unbeschw­ert ertönt anschließend Sarah Maria Suns Sopran im ersten Lied. Ihre Stimme wirkt natür­lich, dabei sowohl drama­tisch als auch entspan­nt, ganz so, wie die Musik es fordert. So rei­hen sich, kon­trastre­ich gegeneinan­der geset­zt, expres­siv Bagatelle an Lied, Lied an Bagatelle. Die Mis­chung ist inter­es­sant, die Bagatellen wirken sprühend lebendig zwis­chen den Liedern im roman­tis­chen Duk­tus des 19. Jahrhun­derts. Unter­halt­sam in der Mis­chung, aber auch voneinan­der getren­nt, sind die Werke sehr hörenswert.
Man­fred Tro­jahns Stre­ichquar­tett Nr. 5 fol­gt. Drei umfan­gre­iche Sätze, die das Ohr fordern, mit Expres­siv­ität, tech­nis­chen Her­aus­forderun­gen und Span­nungsver­läufen gespickt. Zarte Kan­tile­nen erheben sich aus schrof­fen Riffs, ruhige und leise Pas­sagen lassen tem­pera­mentvolle Aus­brüche durch starken Kon­trast noch mehr strahlen. Das ist hochex­pres­sive Lit­er­atur für vier Stre­ich­er, im ruhigeren zweit­en Satz um einen Sprech­er (hier Slam Poet Bas Böttch­er) ergänzt, der im aufgeregten Flüster­ton einen Text Hugo von Hoff­man­thals liest.
John Cage hat mit The Won­der­ful Wid­ow of Eigh­teen Springs schon Anfang der 1940er Jahre einen Hit für Sopran und Klavier geschaf­fen, hier mit Sarah Maria Sun und dem Kuss Quar­tett zu hören. Der Text (James Joyce) kommt auf dieser CD ver­ständlich und ein biss­chen lasziv rüber – eine schöne Abwech­slung nach Tro­jahns Stre­ichquar­tett und vor dem abschließen­den Duft von Johannes Julius Fis­ch­er, der auch den Perkus­sion­spart über­nom­men hat. Der genüsslich iro­nis­che Text, die leichthändi­ge Perkus­sion und vier solis­tis­che Stre­ich­er agieren sehr eigen­ständig und find­en sich schließlich gegen Ende – schillernd, wirbel­nd, gemein­sam zerstäubend.
Heike Eickhoff