Peter Buske

Berlin: Ein Rausch in Klang, Farbe und Tanz

Der Friedrichstadt-Palast Berlin will mit seiner Revue „Im Labyrinth der Bücher“ die Leselust von Kindern und Jugendlichen wecken 

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 02/2023 , Seite 53

Mayla liest für ihr Leben gerne Bücher. Viele in ihrer Klasse finden das ziemlich uncool. In deren digitaler Welt dreht sich alles nur um Klicks und Likes. Bücher betrachten ihre Freundinnen Lea und Jule nebst Jungmacho Ben als etwas total Überflüssiges. Solche Einstellung will Mayla natürlich ändern und sie Im Labyrinth der Bücher eines Besseren belehren. Auf ihrer Geburtstagsparty fängt sie damit an. Wie das gehen soll? Natürlich mit magischem Apfeltee und der schusseligen Bücherfee Appelina sowie aufregenden Geschichten, in die sie sich wortwörtlich hineinlesen. Und plötzlich, auf den Schwingen der Fantasie, finden sie sich als handelnde Personen inmitten des märchenhaften Geschehens wieder.

Die Idee zu dieser spektakulären Revue aus Lichteffekten, opulenter und fantasievoller Ausstattung, mitreißenden Tanzszenen und einer genregerechten Musik zwischen Discorhythmen und Popsongs (die per Bandeinspiel erklingt – weder Orchester noch Dirigent sind zu sehen)  mit dem Jungen Ensemble des Friedrichstadt­palastes hatte der Intendant des Hauses, Berndt Schmidt. Nach pandemiebedingter 34-monatiger Zwangspause konnte die Show am 19. November 2022 in einer prächtigen Neufassung ihre umjubelte Premiere im ausverkauften Hort der heiteren Muse erleben. Das spielfreudige Können der über 100 Kinder und Jugendlichen, die auch die Hauptrollen übernehmen, teilt sich dem Publikum unmittelbar mit. Das wird gleich zu Beginn mit einem orchestralen Wumms, Beatrhythmen und Laserblitzattacken gehörig aufgeschreckt. Für diese vor Einfällen nur so strotzende Neuinszenierung (Corinna Druve) wurde die Dekoration des Labyrinths der Bücher spektakulär aufgemotzt. Da kommen Zuschaueraugen kaum aus dem Staunen heraus.

Nachdem die Geburtstagsgäste sich am Apfeltee gütlich getan haben, beginnt Mayla aus einem Band eines riesigen Bücherstapels etwas vorzulesen. Plötzlich erscheint Appelina und entführt die Kinder in die Geschichte von Robin Hood und in den berühmten Sherwood Forest. Dort geraten die Vier unverhofft in einen spannend choreografierten Überfall der Hood-Getreuen auf  Adlige. Witzige Dialoge untereinander und die Lektüre eines weiteren Buchs führt sie auf Robinson Crusoes einsame Insel, wo Freitag, Wasserfälle und allerlei Getier wie Krebse und Lemuren für eine entsprechende Atmosphäre sorgen. Im Robinsonclub gibt es dann eine attraktive Strapaten-Darbietung (Sofia  Konovalova) an einem herabhängenden Band zu bewundern. Weitere Insel-Überraschungen: der Anflug von Moskitos und sprudelnde Wasserfontänen. Wem fielen ob der Fülle an solchen und weiteren Einfällen nicht die Worte des Theaterdirektors aus Goethes Faust ein: „Drum schonet mir … Prospekte nicht und nicht Maschinen. Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht, die Sterne dürfet ihr verschwenden; an Wasser, Feuer, Felsenwänden, an Tier’ und Vögeln fehlt es nicht …“.
Einen Appelina-Auftritt später findet man sich bei den drei Musketieren in Paris wieder. Die müssen degenfechtend unter aufpeitschenden Klängen einen Soldatentrupp des Kardinals Richelieu außer Gefecht setzen. Abschließend tönt es per Song: „Einer für alle, alle für einen!“ Unter diesem Schlachtruf und mit der Erkenntnis von Ben „So macht Lesen richtig Spaß“ bestehen sie noch ein gefährliches Abenteuer. Als sie bei Schneewittchen landen, warnt Ben sie davor, in den vergifteten Apfel („Pestizide!“) zu beißen. Über diese Enttarnung ist die Königin des Nichts erbost und entführt ihn. Um Ben zu befreien, müssen Lea, Jule und Mayla sich der Armee des Nichts stellen. Doch durch Mut, Fantasie und Zusammenhalt können sie Ben retten und letztlich aus dem Labyrinth der Bücher wieder in die Gegenwart gelangen.