Spaltenstein, Laure

Berlin 1830, Wien 1870, München 1910

Eine Begriffsgeschichte musikalischer Aufführung im 19. Jahrhundert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott Campus
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 55

Will man kul­turgeschichtliche Zusam­men­hänge richtig ver­ste­hen, ist ein genaues Ver­ständ­nis der zu bes­timmten Zeit­en und Orten ver­wen­de­ten Ter­mi­nolo­gie unab­d­ing­bar. Deshalb gehören Unter­suchun­gen wie die vor­liegende zur wertvollen Grund­la­gen­forschung, auf der aus­sagekräftige Erken­nt­nisse über­haupt erst möglich wer­den, auch wenn sie per se noch keine musik­wis­senschaftlich rel­e­van­ten Tat­sachen liefern. Dies wird hier auch gar nicht angestrebt; gle­ich­wohl ergibt sich aus dieser aus his­torisch­er Ken­nt­nis her­aus sehr geschickt angelegten Gegenüber­stel­lung dreier „Fall­stu­di­en“, wie sie die Autorin nen­nt, ein musik­sozi­ol­o­gisch über­aus auf­schlussre­ich­er Blick auf diesen Zeitraum, in dem sich die Musik und ihre Auf­führung­sprax­is par­al­lel zur zunehmenden Indus­tri­al­isierung der Gesellschaft inten­siv und schneller entwick­elte als je zuvor.
Da darf es nicht wun­dern, wenn sich auch die Ter­mi­nolo­gie neue Wege suchte und fand, wie hier anhand von Ver­gle­ichen zwis­chen Zeitungs­bericht­en über Konz­erte zu den benan­nten Zeit­en und Orten exem­pli­fiziert wird. So bein­hal­tet der Begriff „Vor­trag“ in Berlin um 1830 nicht nur die reine Dar­bi­etung von Musik, son­dern auch deren Machart bzw. Qual­ität. Nur so ist mithin eine Aus­sage wie „viel Vor­trag“ zu ver­ste­hen, den ein Rezensent einem Kün­stler damals bescheinigte. Inter­es­sant ist daneben zu ver­fol­gen, wie sich im Laufe der betra­chteten Zeitspanne das begrif­fliche Arse­nal erweit­erte, mit dem die Rezensen­ten operieren kon­nten, wobei immer mehr zwis­chen den rein fak­tisch beschreiben­den und den qual­i­ta­tiv wer­tenden Ter­mi­ni unter­schieden wurde.
Auf­fal­l­end und für manchen Leser wohl über­raschend mag die Tat­sache erscheinen, dass der heute so zen­trale Begriff der „Inter­pre­ta­tion“ erst sehr spät in deutsche Feuil­letons Ein­gang fand. Die Autorin ver­mutet (wahrschein­lich zu Recht), dass dieser sich vom franzö­sis­chen „inter­préter“ her­leit­ete, was primär mit „über­set­zen“ oder „dol­metschen“ zu über­tra­gen ist. Tat­säch­lich find­et sich in etlichen Kri­tiken sein­erzeit denn auch dieser deutsche Ter­mi­nus, wohinge­gen in Frankre­ich schon weit früher vom „inter­prète“ die Rede war, wohl auch deswe­gen, weil es dort kein Syn­onym für das deutsche Wort „Vor­trag“ gibt.
Solche und manch andere dur­chaus auf­schlussre­iche Sachver­halte find­en sich in der vor­liegen­den Arbeit, in der sich die Autorin – über eine wis­senschaftlich kor­rek­te Darstel­lung hin­aus – mit Erfolg auch stets um einen gut les­baren Text bemüht, in dem sich zudem kaum Fehler find­en, zu denen etwa die „Zweite Jahrhun­dert­mitte“ zählt oder die „Schalplat­te“ (sic!); sach­lich falsch ist auch, wenn der Trauer­marsch aus Beethovens Eroica in Zusam­men­hang mit der „gefährlichen Hörn­er-Klippe des Trio“ gebracht wird: Hier han­delt es sich natür­lich um das Scher­zo der Sin­fonie. Anson­sten darf man diese Arbeit als sehr gelun­gen und ver­di­en­stvoll begrüßen.
Gunter Duven­beck