Oliver Ostermann

Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt

Kinderoper nach dem Buch von Hannes Hüttner. Theater Chemnitz, Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz, Ltg. Oliver Ostermann

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Rondeau
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 77

Eine Musik, so sprechend wie im Film und so melodiös wie im Musi­cal; eine span­nend-lustige Geschichte, spritzig erzählt; glasklar sin­gende und sprechende Akteur:innen; musikalis­che The­men zum Wieder­erken­nen und ein wun­der­bar tem­pera­mentvoll aufgelegtes Orch­ester, das jede Pointe musikalisch auf den Punkt bringt: So wird ein Stoff, der schon als erfol­gre­ich­es Kinder­buch mit­tler­weile fünf Jahrzehnte kleine Leser:innen und Zuhörer:innen begleit­et hat, zu einem mitreißen­den Büh­nen­stück und zu einem plas­tis­chen Hörvergnügen.
Bei dieser Pro­duk­tion kann man wirk­lich von einem aus­ge­sproch­enen Glücks­fall sprechen. Libret­tist Alexan­der Kuchin­ka und Kom­pon­ist Oliv­er Oster­mann haben aus dem Kinder­buchk­las­sik­er von Hannes Hüt­tner eine tem­por­e­iche, humor­volle Kinderop­er gestal­tet, die alles andere als kalter Kaf­fee ist: Aus jed­er Note sprüht der Esprit von Kof­fein und nach dem Schlus­sakko­rd ver­lässt man auch als erwach­sene „Nur-Hörerin“ ohne Büh­nen-Liveer­leb­nis angeregt das Sofa.
Fün­fzig Jahre nach Erscheinen der lit­er­arischen Vor­lage ist das Werk an der Oper Chem­nitz in der Spielzeit 2019/20 uraufge­führt wor­den. Geschichte und Musik sind so zeit­los und mit der richti­gen Bal­ance aus gesun­genen und gesproch­enen Pas­sagen zusam­menge­bracht wor­den, dass kein Staubkörnchen das Alter der Vor­lage ver­rät. Und dazu tra­gen auch die rund und far­big geze­ich­neten Charak­tere ihren Teil bei: die für­sor­gliche Oma Eier­schecke, der ver­liebte Tier­parkdi­rek­tor Fut­ter­sack, die kesse Emil­ia Zahn­lücke (glock­en­klar der Sopran von Marie Hänsel) oder die ganze Feuer­wehrtruppe, die ein wahres Dream Team darstellt.
Sel­ten hat man ein Tele­fon (gesun­gen und wun­der­bar über­trieben gesprochen von Sylvia Schramm-Heil­fort) so schön klin­geln gehört. Dabei ist es der per­son­ifizierte Stören­fried, der die Feuer­wehrleute immer wieder von ihrer wohlver­di­en­ten Pause abhält und Katas­tro­phen­fälle ver­meldet – was let­z­tendlich zu kaltem Kaf­fee führt. Ger­ade war man noch emsig mit dem Verzehr eines But­ter­brots beschäftigt, dann heißt es plöt­zlich: alles ste­hen und liegen lassen und die ganze Konzen­tra­tion darauf ver­wen­den, die liebenswerte Oma Eier­schecke aus einem bren­nen­den Haus zu ret­ten, das ins Eis einge­broche Mäd­chen Emil­ia vor dem Ertrinken zu bewahren oder den Zugang des Fut­ter­haus­es der Zootiere von einem umgekippten Baum zu befreien.
Der von der Robert-Schu­mann-Phil­har­monie unter Leitung des Kom­pon­is­ten mitreißend gespielte kom­plexe Orch­ester­satz ist mit viel Ein­satz von laut­ma­lerisch­er Perkus­sion, dann wieder fil­igran gestal­teten Melodiepas­sagen ein kindgerecht­es Kalei­doskop der Stim­mungen. Die Instru­mente führen als musikalis­che Erzäh­ler von der höch­sten Dra­matik der Ereignisse bis hin zu roman­tis­chen Zwis­chen­tö­nen, wenn beispiel­sweise Oma Eier­schecke sich auf ein Aben­dessen mit dem Zood­i­rek­tor freut.
Diese CD gehört nicht zu denen, die man nur ein­mal hört. Und sie macht Lust, sich das Stück auch ein­mal live anzuschauen.
Sabine Kreter