Werke von Antonio Salieri, Johann Nepomuk Hummel und Jan Václav Hugo Voříšek

Beethoven’s World

Mirijam Contzen (Violine), Herbert Schuch (Klavier), WDR Sinfonieorchester Köln, Ltg. Reinhard Goebel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony
erschienen in: das Orchester 01/2021 , Seite 69

Angesichts dieser neuen CD fragt man sich, warum eigentlich das Reper­toire des öffentlichen Musik­lebens, vor allem der Sin­foniekonz­erte, oft so schmal und fan­tasie­los ist, und man ver­misst den Blick auf inter­es­sante Nis­chen dazwis­chen. Da hil­ft die vor­liegende Ein­spielung von drei unbekan­nten Werken der Beethoven-Zeit weit­er. Sie ist eine echte Reper­toire­bere­icherung und ermuntert nach­drück­lich, die Suche nach unbekan­nten Schätzen zu inten­sivieren. Hier jeden­falls sind drei Perlen wieder­ent­deckt wor­den; sie stellen zugle­ich beträchtliche spiel­tech­nis­che Ansprüche an die Inter­pre­ten.
Die exzel­len­ten Musik­er des WDR Sin­fonieorch­esters Köln meis­tern die Her­aus­forderung solch unbekan­nten Noten­ma­te­ri­als makel­los und sou­verän, unter­stützt durch eine adäquate Auf­nah­me­tech­nik und die ani­mierende Leitung Rein­hard Goebels. Die eröff­nen­den Vari­a­tio­nen von Anto­nio Salieri über das bekan­nte barocke Fol­lia-The­ma (1815) sind zugle­ich das eigentliche High­light dieser CD. Die 26 Vari­a­tio­nen verblüf­fen durch ihren orches­tralen Far­ben­re­ich­tum; jede einzelne Num­mer bietet eigene Über­raschun­gen ein­er über­schäu­menden kom­pos­i­torischen Fan­tasie. Alle Grup­pen und Solis­ten des Orch­esters sind sehr gefordert und erklin­gen in immer neuen orig­inellen Kom­bi­na­tio­nen; dabei spie­len Solo-Vio­line und Solo-Harfe eine her­aus­ge­hobene Rolle.
Johann Nepo­muk Hum­mel ori­en­tiert sich in seinem Dop­pelkonz­ert für Vio­line, Klavier und Orch­ester G‑Dur op. 17 (1804) hör­bar an seinem Lehrer Mozart, ohne deshalb die eigene Per­sön­lichkeit zu ver­leug­nen. Auch hier leucht­en die klas­sisch erprobten Far­ben des mod­er­nen Orch­esters der Beethoven-Epoche. Die bei­den Solis­ten Mir­i­jam Con­tzen und Her­bert Schuch bewälti­gen die anspruchsvollen Her­aus­forderun­gen bemerkenswert selb­stver­ständlich. Dabei dominiert Hum­mels Instru­ment, das Klavier. Schuch spielt seinen Part auf dem mod­er­nen Flügel luftig und lock­er, manch­mal ein wenig vor­wärts­drän­gend. Der Verzicht auf einen zeit­gemäßen Ham­mer­flügel fällt bei dieser Spiel­weise kaum auf. Die etwas undankbarere Rolle fällt der Geigerin zu, die sich phasen­weise den recht klavier­mäßig erdacht­en Pas­sagen anpassen muss. Bei­der Zusam­men­spiel ist sorgfältig aufeinan­der abges­timmt und fügt sich organ­isch in die orches­trale Begleitung ein.
Die Sin­fonie D‑Dur op. 23 (1823) von Jan Václav Hugo Voříšek run­det in großer Beset­zung das Pro­gramm sin­nvoll ab. Sie zeich­net sich weniger durch orig­inellen melodis­chen Ein­fall­sre­ich­tum aus, besticht aber durch die durch­dachte Entwick­lungsar­beit des motivis­chen Mate­ri­als und die Far­bigkeit der Instru­men­ta­tion. Rein­hard Goebel motiviert das vorzügliche WDR-Orch­ester zu hochkarätigem Musizieren, so als sei die Arbeit an ein­er unbekan­nten his­torischen Par­ti­tur All­t­agsrou­tine. Diese CD ist also zugle­ich ein Doku­ment dafür, wie weit die his­torisch-ori­en­tierte Auf­führung­sprax­is sich im sym­phonis­chen All­t­ag durchge­set­zt und bewährt hat.
Arnold Wern­er-Jensen