Geiger, Friedrich / Martina Sichardt (Hg.)

Beethovens Kammermusik

Das Handbuch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2014
erschienen in: das Orchester 09/2014 , Seite 68

Dieses im Wortsinn gewichtige Buch ist Teil eines Hand­buchs in sechs Bän­den, das auf aktuellem wis­senschaftlichen Stand alle Gat­tungs­bere­iche des Gesamtwerks von Beethoven erschließt. Der Band zur Kam­mer­musik blickt dabei auf eine lange, wech­selvolle Entste­hungs­geschichte zurück, in deren Ver­lauf es sog­ar zu einem Her­aus­ge­ber­wech­sel kam, doch man merkt ihm die widri­gen Umstände nicht an.
An wen wen­den sich der­ar­tige Veröf­fentlichun­gen? Kann das Buch die denkbaren unter­schiedlichen Ziel­grup­pen gle­ich gut bedi­enen? Es richtet sich zunächst an die Fach­welt und erhebt den Anspruch, den Stand der Forschung zu doku­men­tieren und auf dieser Basis weit­ere Forschun­gen anzus­toßen, indem es grundle­gen­des Mate­r­i­al bere­it­stellt. Zum anderen bedi­ent es zumin­d­est latent das Bedürf­nis inter­essiert­er Laien und Musik­lieb­haber nach ver­ständlichen Werke­in­führun­gen. Der Schw­er­punkt liegt erkennbar auf dem wis­senschaftlichen Anspruch.
Das zugrunde liegende Konzept ist ein­leuch­t­end und hil­fre­ich. So wech­seln sich Grund­satzartikel zu Einze­laspek­ten der Rezep­tion mit ana­lytisch disku­tieren­den Darstel­lun­gen der unter­schiedlichen Werk­grup­pen ab. Jew­eils ein­führen­den Charak­ter haben etwa die Darstel­lun­gen zu „Klang, Spiel­tech­nik und Auf­führung­sprax­is“ (Clive Brown), die „Über­legun­gen zum Kom­po­si­tion­sprozess“ (Richard Kramer) und zur „Quar­tet­tkul­tur zur Beethoven­zeit“ (Andreas Eich­horn). Die Werk­analy­sen begin­nen mit den Duo-Sonat­en und führen über die Trios unter­schiedlich­er Beset­zung bis zu den Stre­ichquar­tet­ten. Diese wer­den, angesichts ihrer Bedeu­tung, nach Werk­grup­pen getren­nt vorgestellt. Ins­ge­samt achtzehn Wis­senschaftler, keineswegs nur aus Deutsch­land, repräsen­tieren dabei exem­plar­isch die unter­schiedlichen Forsch­er-Gen­er­a­tio­nen und wis­senschaftlich-ana­lytis­chen Ansätze.
So ergibt sich ein facetten­re­ich­er Überblick über „musik­wis­senschaftlich­es Denken heute“, wom­it zugle­ich auch die Gren­zen der­ar­tiger Pub­lika­tio­nen angedeutet sind. Mit den unter­schiedlichen Per­sön­lichkeit­en
verknüpft sind näm­lich auch ver­schiedenar­tige Sprach­stile: zwis­chen den gegen­sät­zlichen Polen guter Ver­ständlichkeit, die spezielles Wis­sen auch Nicht-Fach­leuten nahezubrin­gen ver­ste­ht, ohne auf Präzi­sion zu verzicht­en (unerr­e­icht­es Vor­bild: Lud­wig Fin­sch­er), und hoch spezial­isiertem Wis­senschaft­s­jar­gon, der (fast) nur Eingewei­ht­en zugänglich ist und vor sprach­lichen Verkramp­fun­gen nicht zurückschreckt. Mit diesem Kon­trast muss man leben, zugle­ich unter­stre­icht er jedoch den Kom­pendi­ums-Charak­ter. So bringt der Indi­vid­u­al­stil manch­er Forsch­er es mit sich, dass einige Kapi­tel nur bed­ingt für Nicht-Wis­senschaftler, also im Sinne eines guten Konz­ert­führers, nutzbar sind. Dieses Prob­lem teilt die Musik­wis­senschaft mit anderen Diszi­plinen, von diesem Dilem­ma prof­i­tieren gele­gentlich exzel­lente Wis­senschaft­sjour­nal­is­ten.
Arnold Werner-Jensen