Ludwig van Beethoven

Beethoven X – The AI Project

Cameron Carpenter (Orgel), Beethoven Orchester Bonn, Ltg. Dirk Kaftan

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Modern Recordings
erschienen in: das Orchester 04/2022 , Seite 71

Aber wir, wir müssen doch weit­er kämpfen, da uns die Zehnte noch nicht gesagt wurde“: In sein­er Prager Rede ein Jahr nach Gus­tav Mahlers Tod reflek­tiert Arnold Schön­berg über die Tat­sache, dass (ein­mal von Haydn und Mozart abge­se­hen) die großen Sin­foniker auf rät­sel­hafte Weise nie über neun Sin­fonien hin­aus­gekom­men sind – bis damals, Schostakow­itsch hat ja dann 15 geschrieben. Vielle­icht wären die Rät­sel der Welt gelöst, wenn uns eine zehnte Sin­fonie gegeben wor­den wäre, spekulierte Schön­berg 1912. Aber sie ist uns eben nicht gegeben. Bruck­n­er hat selb­st seine schon so unge­heuer­liche Neunte nicht vol­len­det, Mahler hat immer­hin einen ersten Satz fast fer­tig gestellt und die anderen vier Sätze als Par­ti­cell ent­wor­fen. Und auch von Beethoven gibt es Skizzen zu ein­er Zehnten.
Ver­suche, aus den Skizzen von Beethoven, Bruck­n­er und Mahler (auch bei den fehlen­den Sätzen von Schu­berts „Unvol­len­de­ter“ ist das so) ein auf­führbares Stück zu machen, gab und gibt es immer wieder. Die auf der vor­liegen­den CD nun vorgestellte Gestalt der let­zten bei­den Sätze ein­er Zehn­ten von Beethoven ist etwas Beson­deres durch den Ein­satz Kün­stlich­er Intel­li­genz. Unter Leitung von Matthias Röder vom Kara­jan Insti­tut Salzburg füt­terte ein Team aus Musik­in­for­matik­ern, Com­put­er­wis­senschaftlern, Pro­gram­mier­ern und dem Kom­pon­is­ten Wal­ter Wer­zowa den Rech­n­er mit Beethovens Skizzen, sein­er Musik und der sein­er Zeitgenossen. Die Vorschläge der Rechen­mas­chine wur­den dann gesichtet und die aus­gewählten wieder neu einge­speist. Am Ende ent­stand aus der Zusam­me­nar­beit von Men­sch und Com­put­er eine spiel­bare Partitur.
Der Pan­demie wegen wurde die Live-Urauf­führung mehrfach ver­schoben und fand erst im Okto­ber 2021 in Bonn statt. Die CD wurde allerd­ings bere­its im Juni 2021 aufgenommen.
Wir müssen weit­er kämpfen! Das ste­ht nach dem Ein­druck dieser Fas­sung fest, um noch ein­mal auf Schön­berg zurück­zukom­men. Und ob der Ein­satz von Kün­stlich­er Intel­li­genz am Ende mehr bringt als Ver­voll­ständi­gun­gen auf der Basis kon­ge­nialer Stil­sicher­heit – man denke hier an Robert Levins Ver­sio­nen von Mozarts Frag­menten der c‑Moll-Messe und des Requiems –, bleibt nach dem Hören dieser Ver­sion offen.
Das Ergeb­nis des von der Deutschen Telekom unter­stützten Pro­jek­ts ist inter­es­sant. Es ist in kein­er Weise eine irgend­wie geart­ete Rekon­struk­tion eines von Beethoven nie kom­ponierten Werks, son­dern ein an sich ganz reizvolles Exper­i­ment. So in dieser Art hätte es eine Zehnte geben kön­nen. Der Ein­satz ein­er Choralmelodie im Finale ist authen­tisch, die solis­tis­che Orgel natür­lich eine Eigen­willigkeit der Bear­beit­er. Zumin­d­est eines wird deut­lich: Eine Zehnte Beethovens wäre keine Fort­set­zung oder Über­steigerung der Neun­ten gewor­den, son­dern ein Werk von ganz anderem Charakter.
Ergänzt wird die CD durch eine in gle­ich­er Weise heit­er-beschwingte wie beredt aus­gear­beit­ete Wie-der­gabe der acht­en Sin­fonie mit dem Beethoven Orch­ester Bonn unter seinem Chefdiri­gen­ten Dirk Kaftan.
Karl Georg Berg