Schmidt, Franz

Beethoven Variations / Piano Concerto

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 777 338-2
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 76

Als wirklich vergessen darf Franz Schmidt inzwischen nicht mehr gelten. Immerhin sind Aufnahmen seiner wichtigsten Werke heute problemlos erhältlich, die Sinfonien sogar in einer stattlichen Auswahl. Es gibt eine Franz-Schmidt-Gesellschaft und zahlreiche Studien und Publikationen, die sich mit Leben und Werk des spätromantischen Meisters beschäftigen.
Allein, die Nachwelt hat dem Österreicher – neben dessen Landsleuten Mahler und Bruckner, neben Richard Strauss – trotzdem nicht viel Platz im Konzertleben eingeräumt: Auf der Internetseite der Schmidt-Gesellschaft (www.franzschmidtgesellschaft.at) finden sich für das zweite Halbjahr 2010 nur ein gutes Dutzend Konzerte und Opernaufführungen – weltweit. Das ist nicht viel für einen Komponisten, der zu Lebzeiten hoch geehrt und dekoriert, von den Nazis sogar als größter lebender Tonsetzer Österreichs hochgehalten wurde.
Doch wer war dieser Franz Schmidt? Kurz gesagt: ein musikalisches Allroundgenie. Cellist und Pianist, Solist und Kammermusiker, Stimmführer beim Wiener Hofopernorchester, verehrter Lehrer, bewunderter Komponist. Er hat Kammermusik geschrieben und vier Sinfonien, Orgelwerke, die Oper Notre Dame und das häufig aufgenommene Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln.
Nun liegen zwei spannende konzertante Werke Schmidts in einer Neuaufnahme vor, die Variationen über ein Thema von Beethoven für Klavier und Orchester (1923) sowie das Klavierkonzert Es-Dur (1931). Beide Werke wurden zwar erst vor zwei Jahren von Carlo Grante und dem MDR-Sinfonieorchester unter Fabio Luisi eingespielt, doch eine Alterna­tive auf dem Schallplattenmarkt hat trotzdem ihre Berechtigung – zumal Markus Becker und die NDR Radiophilharmonie unter Leitung von Eiji Oue etwas prägnanter und klarer agieren als Grante/Luisi.
Besonderheit beider Werke ist, dass sie – auf Wunsch des einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein hin – nur für die linke Hand komponiert wurden. Das führt automatisch zu einer stärkeren Beachtung melodischer Verläufe gegenüber vollgriffigen Harmonien – und zu einer besonders sorg­samen Behandlung des Orchestersatzes, der den Klavierpart schön umschließt, aber nie verdeckt.
Was typisch ist für Schmidts Kompositionen, es tritt auch in diesen Werken deutlich zutage: eine nur subtil von der Tonalität abweichende Harmonik, ständige Anspielungen an große Werke der Literatur, eine ausgefeilte Kontrapunktik. Das mag aufs Erste ein wenig eklektizistisch klingen, doch Schmidt hat in Wahrheit seine ganz eigene Tonsprache. Die ist emotional freilich nicht ganz so frappierend und extrovertiert wie diejenige Bruckners oder Mahlers. Und hat mit der Musik eines Schönberg oder Hindemith noch weniger gemein. Schmidt ist einer, der schnell dem musikalischen Fortschrittsdenken zum Opfer gefallen ist – aber in den deutschen Konzertsälen ruhig etwas öfter aufgeführt werden sollte.
Johannes Killyen