Beethoven in Stalingrad. Eine Konzertreise

Ein Film von Claudia und Günther Wallbrecht

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Dreyer/Gaido DVD 21083
erschienen in: das Orchester 09/2014 , Seite 85

Die Schlacht um diese rus­sis­che Stadt, die Hitler um jeden Preis ein­nehmen wollte, da sie seit 1925 den Namen Stal­ins trug, gehört zu den grauen­haftesten Ereignis­sen des Zweit­en Weltkriegs, ver­bun­den mit Mil­lio­nen von Toten. Die Musik­er des Osnabrück­er Sym­phonieorch­esters reis­ten Anfang 2013 nach Wol­gograd, wie Stal­in­grad längst wieder heißt, um an den Feier­lichkeit­en zum rus­sis­chen Sieg vor 70 Jahren mit mehreren Konz­erten teilzunehmen. Damit waren sie übri­gens das erste deutsche Orch­ester, das in dieser Stadt spielte. Per­sön­liche Bezüge gab es auch unter den Musik­ern: Der Groß­vater eines Musik­er beispiel­sweise hat­te an der Schlacht um Stal­in­grad teil­nehmen müssen, die Mut­ter eines anderen ver­lor ihre Brüder dort.
Die Proben für die Reise, die auf­grund ein­er per­sön­lichen Ini­tia­tive des Geigers Chris­t­ian Hei­necke zus­tande kam, fan­den zusät­zlich zu den Proben für den reg­ulären Konz­ert­be­trieb statt. Fast zwei Jahre lang dauerte seine ehre­namtliche Organ­i­sa­tion­sar­beit. Hei­necke, der sich inten­siv mit der Schlacht um Stal­in­grad beschäftigt hat, ist sich sich­er, dass Musik zur „Völk­erver­ständi­gung“ beitra­gen könne. „Die Poli­tik kann es noch nicht“, sagt er im Inter­view zu Beginn der Doku­men­ta­tion. „Bei rel­a­tiv milden zehn Grad minus“ kam das Sym­phonieorch­ester Osnabrück in Wol­gograd an. Schnee und Siegessäulen, sehr große hero­is­che Stat­uen, auch die Tribü­nen für den 70. Jahrestag des Endes der Schlacht fie­len den deutschen Musik­ern auf. Die Kom­mu­nika­tion zwis­chen dem deutschen und dem rus­sis­chen Orch­ester in der ersten Probe klappte hör­bar gut, auch wenn bei­de aus ver­schiede­nen Aus­gaben spiel­ten. Edward Serov, der rus­sis­che Chefdiri­gent, und Andreas Hotz, Gen­eral­musikdi­rek­tor in Osnabrück, mussten lediglich disku­tieren, ob Beethoven ein biss­chen roman­tis­ch­er oder ein biss­chen schlanker auf die Bühne kam.
Neben den Konz­erten blieb Zeit, um Denkmäler mit den schi­er end­losen Lis­ten der Namen der Kriegstoten zu besuchen. Die Musik­er ließ das sichtlich nicht kalt.
Auch Bratschistin Tabea Zim­mer­mann traf zum Jubiläum­skonz­ert der bei­den Orch­ester ein. Sie hat­te sich mit der Schlacht um Stal­in­grad beschäftigt und mit ihren Eltern Gespräche darüber geführt. „Wenn es
darum geht, eine Geste der Fre­und­schaft oder der Ver­söh­nung zu machen, dann ist Musik genau die richtige Sprache“, meint Tabea Zim­mer­mann. Bewusst habe sie Hin­demiths Bratschenkonz­ert für dieses Pro­gramm gewün­scht, denn Hin­demith war in Nazideutsch­land ver­femt.
Die Musik­er aus Osnabrück wur­den allen­thal­ben fre­undlich begrüßt, selb­st rus­sis­che Vet­er­a­nen gin­gen pos­i­tiv auf sie zu. Und die Osnabrück­er? Sie genossen die Gast­fre­und­schaft und spiel­ten mit den rus­sis­chen Kol­le­gen am Ende ein grandios­es gemein­sames Konz­ert. Die Musik dieser Konz­ertreise ist in Auss­chnit­ten immer wieder zu hören (und als Bonus­mat­erail noch ein­mal aus­führlich), sodass diese her­vor­ra­gende DVD geschickt die Grat­wan­derung zwis­chen Reise­doku­men­ta­tion und Konz­ertvideo schafft.
Heike Eickhoff