Nawrath, Enrico / Katharina Wagner

Bayreuth Backstage

Innenansichten vom Grünen Hügel

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2009
erschienen in: das Orchester 10/2009 , Seite 63

Mit 470.000 Karten­wün­schen pro Jahr ist Bayreuths Grün­er Hügel ein schw­er belagert­er Ort. Es braucht viel Zeit und bedarf etwas Glücks, um einen Platz im Fest­spiel­haus, dem Mek­ka der Wag­n­er-Pil­ger, zu erobern. Aber Bayreuth ist in Bewe­gung: Nach­dem Schlin­gen­sief dem Par­si­fal den Weihrauch ver­sagt hat und Katha­ri­na Wag­n­er den Meis­tersingern Dri­ve gab – die Kunst­werk­statt also voll in Gang ist und die Mei­n­ungs­maschiner­ie auf Touren läuft –, nach­dem Pub­lic View­ing in der ost­fränkischen Kle­in­stadt angekom­men ist und 15000 Son­nen- und Musikhun­gri­gen ein Opern-Event beschert hat, nach­dem wieder eine DVD vor­liegt und Philippe Oliviers Buch zum Bayreuther Ring Ein­druck macht, da bleibt diese „Grals­burg“ auch dem gewöhn­lichen Sterblichen nicht mehr fern entrückt.
Und nun gewährt dieses Buch gar den Blick hin­ter die Kulis­sen. Es erschließt eine dem Zuschauer bis­lang ver­bor­gene Welt und die Ein­sicht: Die „Vision“ Kunst­werk­statt bedarf der wirk­lichen Handw­erk­erkun­st! Es ist Neugi­er, die Katha­ri­na Wag­n­er von Kind an in den mys­tis­chen Räu­men der Hin­ter­bühne und Mag­a­zine und in der wun­der­samen Welt der Werk­stät­ten umtrieb. Der Drang, die Geheimnisse der Dinge zu erkun­den und Blick­winkel für die eigene szenis­che Arbeit zu find­en und zu pro­bieren. Diese Neugi­er teilt sie mit Enri­co Nawrath und seinen „ungewöhn­lichen und in der Aus­sage tre­ff­sicheren“ Fotografien, von denen sie spür­bar ange­tan ist. Und bei­der Neugi­er soll die Leser ansteck­en: Voller Gier sollen sie nach den Hin­ter­grün­den der Bühnen­er­schei­n­un­gen suchen und erken­nen, dass Kun­st Arbeit ist. Aufwändi­ge, penible, kreative Werk­stat­tar­beit.
So wählt dieser Bild­band seinen Weg von der mod­er­nen Kom­mu­nika­tion­szen­trale und alt­modis­chen Sam­mel­stelle der Ver­wal­tung über die Deko­ra­tions- und Kostümw­erk­stät­ten hin zur Maske und zur Büh­nen­tech­nik und weit­er zu den Proben – an manchem Platz, wo später Fest­spiel­trubel rauschen wird –, bis endlich der Eröff­nung­ster­min in Sicht ist. Doch nicht bloß Räume und Req­ui­siten, Appa­ra­turen und Maschi­nen, Büh­nen­haus und Beleuch­tung wer­den gezeigt, son­dern zuerst jene Men­schen, die ihnen The­ater­leben ein­hauchen. Kün­stler, die allerorts Neues schaf­fen. Es sind wun­der­bare und witzige Fotos samt knap­pen und vital­en Kom­mentaren, denen Her­heims “Par­si­fal”, Dorsts “Rhein­gold” und Katha­ri­na Wag­n­ers “Meis­tersinger” Mate­r­i­al und den roten Faden liefern.
Den Autoren glückt mit diesem Back­stage-Blick vor allem eines: Sie entschleiern The­aterza­uber ohne zu ernüchtern und erweck­en Neugi­er auf die einzi­gar­tige Magie der Bühne. Wag­n­er begleit­et den Rundgang dezent: bei der Probe, der Eröff­nung („dies­mal aus ander­er Per­spek­tive“) und bei der Ver­ab­schiedung des Patri­archen Wolf­gang Wag­n­er. Das let­zte Bild zeigt die Mitwirk­enden der Fest­spiele 2008. Und so ist dieses faszinierende Buch let­ztlich nicht nur ein orig­ineller Opern- und Bayreuth-Führer, son­dern auch eine Hom­mage an die Mitar­beit­er, die die Werk­statt Bayreuth in Schwung hal­ten.
Eber­hard Kneipel