Hagedorn, Volker

Bachs Welt

Die Familiengeschichte eines Genies

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Reinbek 2016
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 57

Die „Bachs“ waren eine verzweigte Musik­er­fam­i­lie. Rund siebzig Ver­wandte haben ihre Spuren als Hof-, Stadt- oder Kirchen­musikant hin­ter­lassen: Johann Sebas­tians Vater und Groß­vater eben­so wie zahlre­iche Onkel, Großonkel und Cousins. Der Musikjour­nal­ist Volk­er Hage­dorn erzählt die Geschichte dieser erstaunlichen Groß­fam­i­lie, die vor­wiegend im Thüringis­chen zuhause war. Mit gele­gentlich allzu feuil­leton­is­tisch saloppem Plaud­er­ton schreibt er von Hochzeit­en und Umzü­gen, Schick­salss­chlä­gen und Beerdi­gun­gen.
Wo die Archive Lück­en lassen, springt Hage­dorn wage­mutig ein: mit psy­chol­o­gisieren­der Ein­füh­lung, roman­hafter Fan­tasie und den Schilderun­gen von Zeitgenossen. Um etwa das Elend des Dreißigjähri­gen Kriegs zu schildern – Mis­sern­ten, Pest und plün­dernde Heere –, zieht er Grim­melshausens Simpli­cissimus her­an. Dessen drastis­che Beschrei­bun­gen dürften ohne Weit­eres über­trag­bar sein auf Erfurt. Dort raffte die Pest 1682/83 fast zwei Drit­tel der Ein­wohn­er hin. Auch die Bachs hat­ten zahlre­iche Opfer zu bekla­gen. Als Johann Sebas­tians Vater Ambro­sius 1695 starb, stellt der Eise­nach­er Kan­tor Dedekind fest, der liebe Gott habe „das Bachis­che Musi­calis­che Geschlecht bin­nen wenig Jahren vertrock­net“. Dass der Zehn­jährige Johann Sebas­t­ian den Gegen­be­weis antreten sollte, ahnte er freilich nicht.
Hage­dorn beschränkt sich nicht auf Fam­i­liengeschichte, son­dern bre­it­et die Lebenswelt des 17. Jahrhun­derts far­ben­re­ich aus. Der Leser erfährt von der hohen Kinder­sterblichkeit, der Ein­führung der Kartof­fel und der Umstel­lung auf den Gre­go­ri­an­is­chen Kalen­der. Geschmei­dig einge­woben sind all­ge­mein­ver­ständliche Exkurse über Musik­the­o­rie, Instru­menten­bau und Auf­führung­sprax­is.
Schon früh hat­ten die Bachs ein Fam­i­lien­ar­chiv. Bere­its Ambro­sius begann, die Manuskripte der Vor­fahren zu sam­meln. Das soge­nan­nte Alt­bachis­che Archiv wurde im frühen 18. Jahrhun­dert von der Berlin­er Sin­gakademie erwor­ben und liegt heute in der Berlin­er Staats­bib­lio­thek. Wie es dor­thin gelangt ist, erzählt das span­nende Schlusskapi­tel des Buchs, ein Forschungskri­mi, der 1943 im Berlin­er Bomben­hagel seinen Aus­gang nimmt. Nach Schle­sien aus­ge­lagert, geht die Noten­samm­lung in den Nachkriegswirren ver­loren. Erst 1999 wird sie in Kiew wieder ent­deckt.
Hage­dorn hat sich nicht nur durch Archive gear­beit­et, son­dern besuchte auch die Wirkungsstät­ten der Bach-Fam­i­lie. So schlägt der Autor einen Bogen in die Gegen­wart. Er nimmt den Leser mit auf seine Forschungsreise, lässt ihn teil­haben an sein­er Euphorie beim Auf­spüren von Aktenein­trä­gen und Noten­blät­tern.
Hage­dorn wen­det sich an den Musik­lieb­haber; doch auch auf den Ken­ner dürfte seine orig­inelle Kom­bi­na­tion von His­to­rie und heuti­gen Ein­drück­en ihren Reiz ausüben. Das Buch liest sich wie ein Schmök­er, wirkt dabei jedoch nie unser­iös, da die Übergänge zwis­chen Fik­tion und his­torischen Quellen sorgfältig gekennze­ich­net sind. Zudem belegt das umfan­gre­iche Lit­er­atur- und Quel­len­verze­ich­nis den Anspruch des Autors.
Antje Rößler