Gardiner, John Eliot

Bach

Musik für die Himmelsburg. Aus dem Englischen von Richard Barth

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carl Hanser, Hünchen 2016
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 56

Allein im deutschen Sprachraum gibt es derzeit rund 20 liefer­bare Büch­er über Johann Sebas­t­ian Bach, dicke und dünne, sehr viele sehr gute, einige grot­ten­schlechte. Wozu also nun noch ein weit­eres Buch über Bach? Angesichts der dürfti­gen Quel­len­lage kann dieses doch auch kaum mehr bieten als den Modus con­di­tion­alis: hätte, wä­re, kön­nte. Das sind bei denen, die über Bach schreiben, notge­drun­gen stets die Kar­di­nal­vok­a­beln. Und das wird so lange so bleiben, bis sich nicht endlich der leg­endäre Dachbo­den­fund mit orig­i­nalen Briefen aus Bachs Hand (oder Ähn­lichem) ein­stellt.
Nun, Gar­diners Ansatz ist ein ander­er als bei den meis­ten anderen Autoren. Gar­diner ist ein Mann der Prax­is, der als Diri­gent das gesamte Vokalw­erk des Thomaskan­tors mit seinen Chören erar­beit­et hat und es daher sozusagen „von innen“ her ken­nt. Was ihn in die Lage ver­set­zt, Bach „von außen“ zu beschreiben. Auch dieses Ver­fahren ist nicht ganz neu, aber bei Gar­diner eben doch ganz beson­ders. Er will nach eigen­em Bekun­den den bere­its vor­liegen­den Biografien nicht noch ei­ne weit­ere an die Seite stellen, auch wenn er um das rein Biografis­che nicht herumkommt. Dieses aber bet­tet er mit Geschick in die Zeitläufte ein, und mit diesem Kun­st­griff wird das Bach-Bild zwar auch nicht voll­ständi­ger, aber eben doch etwas run­der.
Seine haupt­säch­liche Quelle ist „die Musik selb­st. Sie ist der Fix­punkt, zu dem wir immer wieder zurück­kom­men kön­nen, die wichtig­ste Quelle, anhand der­er wir Schlussfol­gerun­gen über ihren Urhe­ber erhärten oder entkräften kön­nen.“
So set­zt Gar­diner beispiel­sweise die Bach-Kan­tate Wo Gott der Herr nicht bei uns hält BWV 178 in Beziehung zur Leipziger Obrigkeit und deren musikalis­che Igno­ranz: „Das ist großar­tige, auf­brausende, mit spür­barem Zorn gesät­tigte Musik, in der sich Bachs Wut auf pflichtvergessene Mis­setäter Bahn bricht. Man hat die Stadtäl­testen vor sich, wie sie auf den besten Plätzen sitzen und diese Tiraden über sich erge­hen lassen [und wie sie] immer nervös­er auf der Kirchen­bank hin und her rutschen.“ Gar­diner spricht von „Schock­meth­o­d­en, die Bach in seinen Kirchenkan­tat­en entwick­elte“.
In sein­er Sub­stanz stellt Gar­diners Buch eher einen (im Übri­gen reich bebilderten) Bach-spez­i­fis­chen Konz­ert­führer dar, wenn auch auf deut­lich höherem Niveau: Es enthält kluge und nicht überspan­nte Analy­sen einiger Kirchenkan­tat­en, vor allem aber der bei­den erhal­te­nen Pas­sio­nen und der h-Moll-Mes­se. Dabei inter­pretiert Gar­diner die Werke nicht nur aus ihrer Noten­sub­stanz her­aus, son­dern ges­tat­tet sich manch tief­sin­ni­gen Gedanken über die Arbeitsweise Johann Sebas­t­ian Bachs.
Gar­diners schriftlich­es Opus mag­num ist gewiss kein Buch für alle Bach-Verehrer. Aber diejeni­gen, die sich aktiv mit Bach auseinan­der­set­zen, die Musik­er und unter ihnen beson­ders die Vokalmusik­er, wer­den es mit Gewinn lesen.
Friede­mann Kluge