Kurtág, György

Az hit…

für Violoncello solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2007
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 62

Eigentlich hat Györ­gy Kurtág Az hit… für Sopranstimme kom­poniert. Das apho­ris­tis­che, atmo­sphärisch dichte Stück ist Bestandteil seines zwis­chen den Jahren 1963 und 1968 ent­stande­nen, groß angelegten Liedzyk­lus Die Sprüche des Péter Borne­misza – das Hauptwerk des ungarischen Kom­pon­is­ten in den 1960er Jahren. Kurtág hat hier in vier großen Abschnit­ten („Geständ­nis“, „Sünde“, „Tod“ und „Früh­ling“) Leit­sätze des protes­tantis­chen Predi­gers aus dem 16. Jahrhun­dert ver­tont, die einen Erlö­sungsweg beschre­it­en: von den teu­flis­chen Ver­suchun­gen bis zur Gnade der Barmherzigkeit.
Az hit… (Der Glaube) ste­ht am Beginn des mit „Früh­ling“ über­schriebe­nen let­zten Teils. Ein Soloso­pran singt die eng am Text ori­en­tierte, von vie­len Sprün­gen durch­set­zte Melodie, das gedrück­te Ped­al im Klavier sorgt für den Nach­hall. Bei Kurtágs 1998 ent­standen­er Tran­skrip­tion von Az hit… für Vio­lon­cel­lo solo, die nun erst­mals bei der Wiener Uni­ver­sal Edi­tion erschienen ist (2007), ist der Text Borne­miszas unter den Noten­lin­ien aufge­führt mit der Anmerkung: „Der unter­legte Text dient nur dem Ver­ständ­nis und soll nicht gesun­gen wer­den.“
Bis auf wenige hinzuge­fügte Dop­pel­griffe ver­traut Kurtág in der Cellover­sion ganz der ein­stim­mi­gen Sopran­melodie. „Par­lan­do, ruba­to, con slan­cio (mit Schwung), molto pas­sion­a­to“ ste­ht als Charak­ter­beze­ich­nung über dem Satz und emp­fiehlt damit eine rhyth­misch freie, der Sprache nachemp­fun­dene Inter­pre­ta­tion. Auf­fäl­lig ist, wie viele Infor­ma­tio­nen auf diesen zwei Seit­en Noten­pa­pi­er aufge­führt sind. Da gibt es neben genauen Artiku­la­tionsvor­gaben und manch­mal etwas ungeschick­ten Strichen auch eine Menge Angaben, die den for­malen Auf­bau betr­e­f­fen. Lang gezo­gene, gestrichelte Bögen verdeut­lichen Sin­nein­heit­en, die von Zif­fern zusät­zlich markiert wer­den. Ver­bun­den mit dem dreis­prachig aufge­führten Text (ungarisch, deutsch, englisch) beste­ht unter Umstän­den die Gefahr, dass der Inter­pret den Wald vor lauter Bäu­men nicht mehr sieht: Weniger wäre hier vielle­icht mehr gewe­sen. Bei sel­te­nen Vor­trags­beze­ich­nun­gen wie den häu­fig ver­wen­de­ten kleinen Bögen über einzel­nen Noten würde man sich allerd­ings über eine Erk­lärung des Her­aus­ge­bers freuen.
Nicht nur wegen seines sonoren und aus­geglich­enen Klangs eignet sich das Vio­lon­cel­lo vorzüglich für diese „cantabile“ zu spie­lende Musik. Auch die extremen Sprünge über bis zu drei Oktaven kön­nen auf dem Instru­ment real­isiert wer­den, ohne dass die melodis­che Lin­ie ver­loren geht. Die von Kurtág einge­set­zten Fer­mat­en lassen die Musik in der Stille nach­schwin­gen, als müsse der Cel­list Atem holen für die näch­ste Phrase. Und so ist es gar kein weit­er Weg mehr vom Vio­lon­cel­lo zurück zur Sopranstimme.
Georg Rudiger