Werke von York Bowen, Francis Poulenc, Jan Koetsier und anderen

Avantgarde

Adrián Díaz Martínez (Horn), Ikuko Odai (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Es-Dur ES 2075
erschienen in: das Orchester 4/2019 , Seite 75

Der Titel dieser schö­nen CD führt zunächst in die Irre, denn Avant­garde im musikalis­chen Sinne ist darauf nicht zu find­en – eher schon gut hör­bare, sel­ten gespielte und anspruchsvolle Lit­er­atur aus der ersten Hälfte und der Mitte des 20. Jahrhun­derts.
Es ist die erste Auf­nahme des jun­gen spanis­chen Hor­nisten Adrián Díaz Martínez, der damit aus dem Schat­ten des Orch­es­ter­di­en­stes tritt. Im nor­malen Leben ist Martínez tiefer Hor­nist im NDR Elbphil­har­monie Orch­ester und damit nicht unbe­d­ingt prädes­tiniert für Soloauf­nah­men. Er wider­legt aber ein­drucksvoll das Klis­chee, tiefe Hor­nisten (die nor­maler­weise die 2. oder 4. Stimme spie­len) seien die schlechteren Musik­er. Sie kön­nen beson­ders gut tiefe Töne spie­len, natür­lich, aber Hor­nisten wie Martínez kön­nen auch alles andere.
Was der Spanier gemein­sam mit der Pianistin Ikuko Odai da zusam­mengestellt hat, ist dur­chaus span­nend. Zunächst die Bagatelle von Her­mann Neul­ing (1897–1967), die hier tat­säch­lich zum ersten Mal auf CD ver­füg­bar ist. Das ist einiger­maßen kurios, denn sie ist ein gängiges Probe­spiel­stück für, ja, tiefe Hor­nisten. Auf YouTube find­et man massen­haft Auf­nah­men von ihr, je­doch nur sel­ten in ordentlich­er Qual­ität. Martínez’ Inter­pre­ta­tion hat deshalb Ref­eren­zcharak­ter, auch weil sie dem Stück das Etü­den­hafte aus­treibt. Er beherrscht das zum Teil sper­rige Mate­r­i­al sou­verän und lässt daraus Musik wer­den.
Zugle­ich ist der ehe­ma­lige Stu­dent von Marie-Luise Neu­neck­er, was seinen Horn­ton ange­ht, alles andere als ein Sen­si­belchen: groß, ger­ade, mit viel Wumms und leicht dun­klem Tim­bre spielt Martínez. Die Tiefe ist gewaltig, die Höhe erre­icht er strahlend, wenn auch nicht immer mit vol­len­de­ter Ele­ganz.
Weit­er zu hören ist die Elegie für Horn und Klavier von Fran­cis Poulenc, die zwar orig­i­nal für diese Beset­zung geschrieben wurde, aber fast schön­er, entrück­ter mit Orgel klingt (vor allem in der his­torischen Auf­nahme mit Peter Damm).
Sehr vir­tu­os sind die Vari­a­tio­nen op. 59/3 von Jan Koet­si­er (1911–2006), einem ehe­ma­li­gen Kapellmeis­ter des BR-Sym­phonieorch­esters, der viele Werke für Horn und andere Blech­blasin­stru­mente hin­ter­lassen hat. Eine echte CD-Pre­miere dürfte die Horn­sonate des englis­chen Kom­pon­is­ten York Bowen (1884–1961) sein, die alle Lagen ausleuchtet und sich zwis­chen den Extremen stür­misch und träumerisch bewegt – spätro­man­tis­che Lit­er­atur. Der Voll­ständigkeit hal­ber sei hinzuge­fügt, dass Bowen im Ersten Weltkrieg als Hor­nist bei der Schot­tis­chen Garde diente, sich anson­sten aber haupt­säch­lich dem Klavier wid­mete.
Erst vor weni­gen Jahren wurde die bel­gis­che Kom­pon­istin Jane Vign­ery (1913–1974) ent­deckt, die tragisch bei einem Zugunglück starb. Kurioser­weise ist dies bere­its die zweite Auf­nahme ihrer Horn­sonate, die inner­halb weniger Monate erscheint – ein weit aus­greifend­es, enthu­si­astis­ches, pack­endes Werk, das Till­man Höfs auf sein­er CD Air jedoch eine Spur ele­gan­ter und leichter als Adrián Díaz Martínez spielt.
Johannes Kil­lyen