Dagmar Glüxam

Aus der Seele muss man spielen…“

Über die Affekttheorie in der Musik des 17. und 18. Jahrhunderts und ihre Auswirkungen auf die Interpretation

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Hollitzer
erschienen in: das Orchester 7-8/2022 , Seite 60

Die Schnittstelle zwis­chen Wis­senschaft und Prax­is hält viele span­nende „Begeg­nun­gen“ bere­it. Dag­mar Glüx­am beschreibt in ihrer wahrlich umfassenden Mono­grafie zur Affek­t­the­o­rie des 17. und 18. Jahrhun­derts ein solch­es Zusam­men­tr­e­f­fen: auf der einen Seite die Idee, dass alle Musik – gle­ich ob instru­men­taler oder vokaler Natur – von Affek­ten, also Gefühlen geleit­et sei beziehungsweise diese darstelle –, und auf der anderen Seite die Frage, wie die aus­führen­den Musik­er und Musik­erin­nen sich in diesem Kon­text ver­hal­ten haben.
Wie „frei“ waren also die aus­führen­den Musiker:innen im Barock oder der frühen Klas­sik? Set­zt man voraus, dass es ein umfassendes, all­ge­mein akzep­tiertes Ver­ständ­nis bezüglich der jedem Musik­stück zugrun­deliegen­den Affek­te und ihrer adäquat­en Darstel­lung gab, darf man dann über­haupt noch von ausüben­den Künstler:innen sprechen?
In Dag­mar Glüx­ams umfan­gre­ich­er Darstel­lung der Quel­len­lage und anhand ein­er schi­er end­losen Zahl von Beispie­len wird auch deut­lich, warum die Affek­t­the­o­rie (auch Affek­ten­lehre genan­nt) ger­ade im 17. und 18. Jahrhun­dert die klas­sis­che Musik so offen­sichtlich prägte: Der Kanon anerkan­nter For­men wie Arie, Lied oder Sonate hat­te sich her­aus­ge­bildet und die Aus­drucksmöglichkeit­en der mod­er­nen Instru­mente erlaubten bei guter tech­nis­ch­er Beherrschung eine Vielzahl von Klang­far­ben und Aus­drucksmit­teln, die zur Darstel­lung ger­ade dieser Affek­te oder Gefüh­le notwendig waren. Ein Vir­tu­osen­tum, wie es dann das darauf­fol­gende Jahrhun­dert erlebte, war im Kon­text solch­er „Kon­ven­tio­nen“ natür­lich (noch) nicht denkbar.
Dag­mar Glüx­ams großar­tige Zusam­men­schau der ver­füg­baren schriftlichen Quellen aus Musik­the­o­rie und ‑prax­is ist ein Fun­dus, ger­ade für diejeni­gen, die sich mit his­torisch­er Auf­führung­sprax­is auseinan­der­set­zen, und bietet ver­mut­lich die aktuell umfan­gre­ich­ste Darstel­lung zu diesem The­ma. Die Autorin gibt ver­tiefte Ein­blicke in die Vielzahl der Affek­te, wie sie mit musikalis­chen Mit­teln dargestellt wur­den (oder bess­er: dargestellt wer­den mussten). Aspek­te wie Dynamik, Artiku­la­tion, Tem­po, Rhyth­mus, Klang­far­ben oder das sehr span­nende The­ma der Verzierun­gen wer­den eben­so beleuchtet wie die Rolle der Tonarten, die so etwas wie die „Grundierung“ bezüglich einzel­ner Affek­te bilden konnten.
Schon nach weni­gen Kapiteln der Lek­türe kann man den Ein­druck gewin­nen, hier werde ein in der Barock­musik und der frühen Klas­sik all­ge­mein und umfassend ver­ständlich­es, ja sog­ar unmit­tel­bar abruf-
bares Wis­sen für Aus­führende und Zuhörer:innen beschrieben, das weit über den Rang ein­er unverbindlichen Kon­ven­tion hinausging.
Die direkt anschließende Frage nach der Treue der zeit­genös­sis­chen Wieder­gabe vor dem Hin­ter­grund ein­er solchen The­o­rie kann aber natür­lich auch ein so umfan­gre­ich­es Werk wie das von Dag­mar Glüx­am lei­der nicht endgültig beantworten.
Daniel Knödler