Ospald, Klaus

Aus dem Leopardi-Zyklus

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Wergo WER 6767 2
erschienen in: das Orchester 03/2016 , Seite 77

Rund dreißig Kom­po­si­tio­nen umfasst das Werkverze­ich­nis des an der Hochschule für Musik in Würzburg lehren­den Kom­pon­is­ten Klaus Ospald (*1956), darunter neben dem Musik­the­ater Dr. Faus­tus Lichter­loh einige Orch­ester- und Ensem­blestücke mit Solo- und Chorstim­men. Aus Ospalds umfan­gre­ichem sech­steili­gen Leop­ar­di-Zyk­lus, welch­er auf die „starken, atem­losen Gesänge in schlicht­en Bildern“, als Aus­druck von Ver­loren­heit und fas­sungslosem Erken­nen, des ital­ienis­chen Dichters Gia­co­mo Leop­ar­di (1798–1837) zurück­greift, enthält die vor­liegende CD drei Werke, die zwis­chen 2007 und 2011 ent­standen und alle­samt Auf­tragswerke des WDR sind.
Così, dell’uomo ignara (So, vom Men­schen unwis­send) für Kam­merensem­ble ist ein düsteres Klang­bild über die vom Men­schen selb­st aus­ge­hende Ver­wüs­tung der Erde. Lang aus­ge­hal­tene Liegetöne von teils bohren­der Inten­sität wer­den von der Live-Elek­tron­ik in Klangumwand­lun­gen weit­erge­führt, abgedämpfte Töne des Flügels hallen nach, Flat­terk­länge der Blech­bläs­er wer­den elek­tro­n­isch ver­stärkt. Dies führt zu einem Endzeit­szenar­i­um, welch­es die Dom­i­nanz der Unter-Natur über den Men­schen beein­druck­end wider­spiegelt. Im Nach­lauschen auf die ständi­gen Trans­for­ma­tio­nen der Klänge und Liegetöne wird der Hör­er sen­si­bil­isiert für die Wahrnehmung „ein­er schrof­fen und ein­seit­ig abhängi­gen Ver­schränkung von Natur und Men­sch“, so Ospald.
Eben­falls eine bedrück­ende und res­ig­na­tive Grund­stim­mung herrscht in Sovente in queste rive (Häu­fig an diesen Ufern) für großes Orch­ester vor. Frag­men­tarische Ein­würfe lassen das musikalis­che Mate­r­i­al wenig leben. Die Musik ist oft sta­tisch und unbe­wegt, es gibt kaum Entwick­lung. Harte Clus­ter­bal­lun­gen, diverse Flat­terk­länge und Viertel­ton­brechun­gen wer­den zum fatal­en Aus­druck ein­er mit ihren ungezähmten Kräften den Men­schen ver­schlin­gen­den Natur.
Ein span­nend zu hören­der Klagege­sang ist das dritte Werk Sopra un bas­so rilie­vo anti­co sepol­crale (Auf ein altes Grabre­lief) mit star­ren Dis­so­nanzen und flächi­gen Chor­clus­tern, wie isolierte Auf­schreie, fein­nervig instru­men­tiert mit vier zum Teil elek­tro­n­isch ver­stärk­ten Schlagzeu­gen und Basstu­ba. Am Schluss des Werks sor­gen 18 unter­schiedlich ges­timmte Wasser­gläs­er für einen sphärischen Ausklang und Über­gang in eine neue Klangdi­men­sion. „Ich denke Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart zusam­men, um die unau­flös­baren Dis­so­nanzen wachzuhal­ten, die ständig über uns hin­wegfe­gen und uns taumel­nd mitreißen und die so oft beschönigt und ver­harm­lost wer­den, da sie doch den großen Entwurf ein­er soge­nan­nten fortschrit­tlichen Zivil­i­sa­tion gefährden“, schreibt der Kom­pon­ist dazu.
Diese CD ist sich­er nichts für Zartbe­saitete und dur­chaus auch noch harte Kost für Insid­er. Es wird sich aber den­noch – oder vielle­icht ger­ade deshalb – lohnen, sich ihrer und der wirk­lich ern­sten The­matik anzunehmen.
Christoph J. Keller