Anke Steinbeck (Hg.)

Auf der Suche nach dem Ungehörten

Improvisation und Interpretation in der musikalischen Praxis der Gegenwart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 65

Her­aus­ge­berin des vor­liegen­den Ban­des ist Anke Stein­beck, Musik­wis­senschaft­lerin mit vielfältiger Praxis­er­fahrung im klas­sis­chen Orch­ester­be­trieb und seit 2014 Pro­jek­tlei­t­erin beim Jaz­zfest Bonn. In ihren Büch­ern beschäftigt sie sich vor allem mit kul­tur­poli­tis­chen The­men im Wan­del der Zeit. Mit Fan­tasieren nach Beethoven legte sie den ersten Band zum The­ma Impro­vi­sa­tion im heuti­gen Musik­be­trieb vor.
Im vor­liegen­den Fort­set­zungs­band wird die all­ge­gen­wär­tige Ten­denz zur Auflö­sung ver­meintlich­er Gren­zen zwis­chen E- und U- Musik in den Fokus gerückt. Dabei geht es vor allen Din­gen um die Frage nach Gemein­samkeit­en, Unter­schieden und Über­lap­pun­gen in den Bere­ichen Inter­pre­ta­tion und Impro­vi­sa­tion. Allein die überkommene Begif­flichkeit E- und U-Musik ver­weist dabei auf einen seit Jahren beste­hen­den Prozess der kul­turellen Öff­nung, Fusion und Verän­derun­gen in der Wahrnehmung, sei es unter Musik­ern, Rezip­i­en­ten oder bei Ver­anstal­tern.
Das Buch vere­int neben Stein­becks überblick­hafter Ein­leitung „Neues schaf­fen zwis­chen Form und Spon­taneität“ Inter­views mit Promi­nen­ten der Jazz- und Klas­sik­szene, aus dem Bere­ich des Ver­anstal­tungswe­sens, aus Poli­tik und Medi­zin. Mit der Geigerin Anne-Sophie Mut­ter spricht die Her­aus­ge­berin darüber, wie wichtig selb­st­ständi­ges Denken für eine adäquate und vor allem lebendi­ge Inter­pre­ta­tion soge­nan­nter klas­sis­ch­er Musik ist, ein Geschäft, in dem fälschlicher­weise per­fek­tes Funk­tion­ieren einen unangemessen hohen Stel­len­wert hat. Selb­st Mut­ter seufzt ganz offen­herzig darüber, wie oft sie sich im Konz­ert ein­fach nur tödlich lang­weilt und was man dage­gen tun kann. So betont sie den notwendig kreativ­en Umgang mit Par­ti­turen, die man keines­falls als Dog­ma lesen sollte. Auch über die Bedeu­tung von Into­na­tion im Sinne inter­pre­ta­torisch­er Frei­heit spricht sie.
Für neue Ver­anstal­tungs­for­mate, Konz­ert­de­sign und eine Sub­kul­tur inner­halb der Klas­sik plädiert auch der Cel­list und Grün­der des Fes­ti­vals „Podi­um Esslin­gen“, Steven Wal­ter. Er ist der Ansicht, dass die Qual­ität intimer Räume der Musik früher­er Jahrhun­derte viel von einem ihr innewohnen­den Wirkungspoten­zial zurück­gibt, das sie in riesi­gen Konz­erthallen nicht auf diese Weise ent­fal­ten kann. Der hoch gefeierte Jaz­zpi­anist Michael Woll­ny spricht über musikalis­che Kom­mu­nika­tion in Klas­sik und Jaz­zfor­ma­tio­nen, die er bei­de aus eigen­er Erfahrung ken­nt, und ver­weist auf die hier erlebten Ähn­lichkeit­en. Warum Gehirne von Jazz-und Klas­sikpi­anis­ten unter­schiedlich tick­en, erfährt man im Inter­view mit Daniela Samm­ler vom Insti­tut für Kog­ni­tions- und Neu­rowis­senschaften.
Die Inter­views „Zu Fra­gen der Impro­vi­sa­tion und Inter­pre­ta­tion in der musikalis­chen Prax­is der Gegen­wart“ verbleiben in der Qual­ität des Mündlichen, sind im Plaud­er­ton gehal­ten und leicht les­bar. Man kön­nte sie als Bestand­sauf­nah­men, rel­e­vante Mate­ri­al­samm­lung zu Fra­gen ein­er musikge­sellschaftlichen Befind­lichkeit zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt betra­cht­en.
Anja Klein­michel