Verdi, Giuseppe

Attila

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Dynamic 33732
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 80

Außer­halb Ital­iens wird die 1846 in Venedig her­aus­gekommene Oper Atti­la des damals 32-jähri­gen Giuseppe Ver­di mit einem Libret­to von Temis­to­cle Sol­era nach einem Stück des Deutschen Zacharias Wern­er von 1808 viel sel­tener gespielt als die späteren Meis­ter­w­erke. Insofern ist es für Ver­di-Verehrer erfreulich, dass die Bul­gar­ische Nation­alop­er Sofia die vor­liegende, 2011 tech­nisch gut live aufgenommene DVD mit dem Werk in drei Akten nach einem Pro­log her­aus­bringt und damit eine Alter­na­tive zum im Han­del befind­lichen Mitschnitt des The­aters Par­ma bietet.
Die dama­lige Urauf­führung im Teatro La Fenice war – anders als die früheren Stücke, etwa Nabuc­co von 1842 – zunächst kein großer Erfolg. Manche Chro­nis­ten macht­en dafür eine typ­is­che The­ater­panne ver­ant­wortlich. Dem­nach ereignete sich der Vor­fall beim Fest­ge­lage des Hun­nenkönigs zum Waf­fen­still­stand mit dem von Ezio geführten weströmis­chen Heer im zweit­en Akt, in dem sich Atti­la mit der Aquileianer­in Odabel­la ver­mählt, die ihn aber aus Rache für ihren Vater im Finale erstechen wird: Im Fenice soll die Kerzen­beleuch­tung der Bühne so viel Qualm erzeugt haben, dass dem Pub­likum „große Unan­nehm­lichkeit­en ent­standen“ seien. Ander­er­seits wird – wie es zu Ver­di passt – von großer patri­o­tis­ch­er Begeis­terung im ersten Akt berichtet bei Ezios Aus­ruf gegenüber Atti­la: „Du magst das Uni­ver­sum haben, doch über­lass Ital­ien mir!“
Mit sein­er ein­drucksvollen dop­pelchöri­gen Anlage – Hun­nen und Römer grup­pen­weise gegeneinan­der geset­zt – ist Atti­la indes ger­adezu ide­al für raumgebende Freilicht-Auf­führun­gen. In der Are­na von Verona wird das Werk gespielt, und die Bul­gar­ische Nation­alop­er hat die Insze­nierung von Pla­men Kar­taloff unter Leitung von Alessan­dro San­gior­gi auf der his­torischen Fes­tung von Tsaverets bei Sofia geboten. Kar­taloff und seine Ausstat­ter Boris Stoynov (Bühne) sowie Lyubomir Yor­danov (Kostüme) verzicht­en auf neue Deu­tun­gen im Stil mod­er­nen Regi­ethe­aters. Die wenig psy­chol­o­gis­che Charak­ter­isierung der Per­so­n­en im Libret­to mag ihnen dabei Recht geben. Doch die auf mehreren Ebe­nen bespiel­bare Bühne mit Trep­pen sowie als Gemäuer und Tor­bö­gen angelegten Kulis­sen schafft einen passenden Rah­men für die in leicht his­torisieren­den Kostü­men – die Hand­lung spielt im fün­ften nachchristlichen Jahrhun­dert – agieren­den
Solis­ten.
Orlin Anas­tasov beein­druckt in der Titel­par­tie mit mächtigem, doch wohltö­nen­dem, gut geführtem Bass und ist auch in der Darstel­lung vir­il-kraftvoll. Radosti­na Niko­lae­va passt als Part­ner­in und Gegen­spielerin Odabel­la zu Anas­tasov, dank des eher mez­zo­haften Tim­bres ihres zu pack­ender Dra­matik fähi­gen Soprans. Allerd­ings sind Phrasierung und Artiku­la­tion nicht immer ganz präzis. Der Bari­ton Ventseslav Anas­tasov als Ezio und der Tenor Daniel Damyanov als Foresto lassen sich mit ähn­lich­er Präsenz hören. Der am Mailän­der Ver­di-Kon­ser­va­to­ri­um aus­ge­bildete, neben Ital­ien in Brasilien, Israel, der Schweiz und Tschechien her­vor­ge­tretene Diri­gent Alessan­dro San­gior­gi am Pult des Oper­norch­esters Sofia hält das musikalis­che Geschehen sich­er zusam­men.
Gün­ter Buhles