Franz Liszt

Athanor: Totentanz/Piano Concertos no. 1 and no. 2

Betrice Berrut (Klavier), Czech National Symphony Orchestra, Ltg. Julien Masmondet

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Aparte
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 73

Die Schweiz­er Pianistin Beat­rice Berrut ließ bere­its im ver­gan­genen Jahr mit ein­er Liszt-Ein­spielung aufhorchen, die unter anderem die Dante-Sonate enthielt und einen dur­chaus eige­nen, per­sön­lichen Liszt-Ton zeigte. Nun legt sie die drei großen konz­er­tan­ten Werke Liszts nach und kann ihr inter­pre­ta­torisches Pro­fil als eine spiel­tech­nisch emi­nent sichere Pianistin erneut zeigen, die in den schnellen und drän­gen­den Pas­sagen mit einem schlanken, leicht­en und hellen Klang, wohldosiertem Ped­alein­satz und großer Bril­lanz überzeugt. Ohne Vor­sicht und Zurück­hal­tung wal­ten zu lassen, nimmt sie zum Teil unge­heuer rasche Tem­pi auf, beispiel­sweise zum Ende jedes der drei Werke hin.
Das Scher­zo des ersten Konz­erts gelingt ihr mit elfen­hafter Leichtigkeit, das Fuga­to des Toten­tanzes klingt leg­giero und fabel­haft lock­er, ohne die beißende Schärfe, die andere Inter­pre­ten hier zeigen. Dem gegenüber ste­hen die ruhi­gen und inti­men Pas­sagen der Werke, die Berrut mit inner­er Konzen­tra­tion, schö­nen Pianowirkun­gen und viel Ruba­to gestal­tet. Mit berück­ender Schön­heit gerät ihr beispiel­sweise die vierte Vari­a­tion des Toten­tanzes.
Das Orch­ester unter der Leitung von Julien Mas­mon­det teilt Berruts Herange­hensweise, macht seine Sache sehr ordentlich und spielt schlank, fil­igran und, wenn gefordert, auch klangsinnlich. Lei­der hat die Auf­nah­me­tech­nik das Orch­ester im Klang­bild etwas in den Hin­ter­grund gerückt, sodass gele­gentlich das dichte sym­phonis­che Gewebe, das Klavier und Orch­ester einge­hen, lei­det und manche Orch­ester­far­ben gegenüber dem Klavier unter­be­lichtet bleiben.
Wer also Liszt gerne mit mehr klan­glich­er Tiefe, sym­phonis­ch­er Fülle, Bre­ite, Wucht, Lei­den­schaft und auch Pathos hören möchte, dürfte mit Berruts und Mas­mon­dets Darstel­lung nicht ganz glück­lich wer­den und lieber zu den Ver­sio­nen ander­er großer Liszt-Inter­pre­ten von Arrau bis Zimer­man greifen. Als bewusst leicht­gewichtige und frische Alter­na­tive dazu wird die Ver­sion Berrut/Masmondet jedoch ihre Lieb­haber find­en.
Das Book­let enthält einen Text der Pianistin, der den Albumti­tel Athanor (der Ofen der Alchimis­ten und Sym­bol für die Suche nach Per­fek­tion) als Sinnbild für die jew­eils zwei Jahrzehnte währende Entste­hungs­geschichte der hier einge­spiel­ten Werke erk­lärt. Gerne hätte man noch Infor­ma­tio­nen über die Vari­anten für Bülow und über die Inter­pre­ten gele­sen.
Als edi­torische Beson­der­heit greift Berrut erfreulicher­weise im ersten Konz­ert die späteren Vari­anten auf, die Liszt eigen­händig in Hans von Bülows Dirigier­par­ti­tur des ersten Konz­erts ein­trug und von denen zwei im Book­let als Fak­sim­i­le wiedergegeben sind. Diese betr­e­f­fen die berühmten Oktavpas­sagen. Als spätere Gedanken Liszts, die in keine Druck­aus­gabe Ein­gang gefun­den haben, gehören diese zum Schaf­fen­sprozess hinzu und machen alleine schon dadurch die vor­liegende Ein­spielung zu einem Muss für alle Liszt-Fre­unde.
Chris­t­ian Ubber