Werke von Eduard Mirzojan, Tigran Mansurjan, Arno Babajanyan und Aram Khatschaturjan

Armenian Classic

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bayer Records BR 100 399
erschienen in: das Orchester 05/2014 , Seite 77

Das Würt­tem­ber­gis­che Kam­merorch­ester Heil­bronn hat es in den fast 54 Jahren, die seit sein­er Grün­dung ver­gan­gen sind, von ein­er liebenswerten Ama­teurtruppe sukzes­sive zu einem Ensem­ble von Wel­trang gebracht! Und es ist auch immer wieder für eine Über­raschung gut. Obwohl: So groß ist die Über­raschung eigentlich gar nicht, wenn ein armenis­ch­er Orch­ester­leit­er wie Ruben Gazar­i­an auf einem Ton­träger auch ein­mal ein rein armenis­ches Pro­gramm zusam­men­stellt. …back to the roots lautet denn auch fol­gerichtig der Unter­ti­tel sein­er Kom­pi­la­tion armenis­ch­er Klas­sik, und ange­sprochen sind damit die eige­nen musikalis­chen Triebkräfte, die ihn von Eri­wan über Moskau nach Heil­bronn spül­ten.
„Klas­sisch“ im eigentlichen Sinne ist Eduard Mir­zo­jans 1962 ent­standene Sin­fonie für Stre­ich­er und Pauke nur der vier­sätzi­gen Form­struk­tur nach, während die Aus­gestal­tung der einzel­nen Sätze ihre dur­chaus eige­nen, ungewöhn­lichen Wege geht. Ein über­wiegend grüb­lerisches Werk von faszinieren­der Düster­n­is, an der auch gele­gentliche tem­pera­mentvolle, der armenis­chen Folk­lore entlehnte Ein­schübe nicht wirk­lich etwas ändern. Dieses tat­säch­lich bedeu­tende (und daher viel zu sel­ten zu hörende) Werk gilt heute als der Beginn der armenis­chen Mod­erne, die so völ­lig anders klingt als ihre west­lichen Spielarten.
Den zweit­en Platz auf der CD nimmt Tigran Mansur­jans stel­len­weise an Alfred Schnit­tke gemah­nende Fan­tasie für Klavier und Stre­i­chorch­ester aus dem Jahr 2003 ein, ein geheimnisumwit­tertes Werk, das sich durch raf­finierte Instru­men­ta­tion­stech­niken ausze­ich­net und das sich eben­falls einen ständi­gen Platz im Reper­toire eines jeden Sin­fonieorch­esters ver­di­ent hätte.
Die restlichen Posi­tio­nen auf der CD beanspruchen Solostücke für Klavier. Arno Baba­janyans (auch: Babad­jan­ian) 1978 ent­standene, einen ger­adezu spätro­man­tis­chen Duft ver­strö­mende Elegie (hört man hier Rach­mani­now?) ist ein Epi­taph auf den im sel­ben Jahr ver­stor­be­nen und bis heute bedeu­tend­sten armenis­chen Kom­pon­is­ten Aram Khatschatur­jan. Das Poème aus dem Jahr 1966 ist von gän­zlich ander­er Fak­tur und zeich­net sich nach ein­er eher ver­hal­te­nen Ein­leitung durch eine unge­heure Vir­tu­osität aus, die dem Solis­ten alles abver­langt.
Obwohl die CD den Hör­er auch bis hier schon mitreißt, kommt das eigentliche Filet­stück erst ganz am Schluss. Und das nicht etwa, weil es sich um den hin­länglich bekan­nten Säbeltanz Aram Khatschatur­jans han­delt, das weltweit berühmteste Stück armenis­ch­er „Klas­sik“. Es ist des Pianis­ten eigene, ger­adezu wah­n­witzige Bear­beitung dieses Tanzes für Klavier: Var­dan Mamikon­ian lässt hier die Funken stieben, dass es nur so eine Lust ist! Das sind bril­liante zweiein­halb Minuten, mit denen als Zugabe kün­ftig jed­er Pianist von Bedeu­tung seinem Pro­gramm zusät­zliche Glan­zlichter auf­set­zen kann!
Friede­mann Kluge