Hans-Jürgen Gaudeck/Roman Hinke

Antonio Vivaldi: Die vier Jahreszeiten

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Steffen
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 61

Von heit­erem Gesang der Vögel im Früh­ling, von der las­ten­den Hitze der Sonne im Som­mer, von Tanz und Gesang der Bauern im Herb­st und von krachen­dem, brechen­dem Eis im Win­ter han­deln „Die vier Jahreszeit­en“ (1725) von Anto­nio Vival­di. Woher wir das wis­sen? Allen vier Vio­linkonz­erten hat Vival­di selb­st jew­eils ein erk­lären­des Sonett vor­angestellt und in der Par­ti­tur genau angegeben, welche Textstelle sich auf welche Tak­te bezieht. In diesem etwa eine Dreivier­tel­stunde dauern­den Zyk­lus bre­it­et Vival­di eine enorme Vielfalt an Affek­ten aus, die oft unvorherse­hbar aufeinan­der fol­gen.
Mit diesem Abwech­slungsre­ich­tum eignen sich die „Jahreszeit­en“ auch dafür, von einem Maler mit Bildern „begleit­et“ zu wer­den. Der in Berlin geborene Hans-Jür­gen Gaudeck hat es gemacht. Ins­ge­samt 33 Aquarelle ent­standen, beige­ord­net einem aus­führlichen Werkkom­men­tar von Roman Hinke. Dieser präsen­tiert zunächst einen kleinen his­torischen Kon­text, bis er jeden der zwölf Sätze in Form eines aus­führlichen Konz­ert­führers darstellt. Das vor­liegende grafisch schön gestal­tete 80-seit­ige Lese­buch führt den Leser zumeist in Dop­pel­seit­en, links der Text, recht eines der Aquarelle, durch das Werk.
Der Werkkom­men­tar ist auch für Laien ver­ständlich, der Spaß des Autors an sein­er Fab­u­lierkun­st ist aber in manierierten For­mulierun­gen zu oft zu erken­nen. Da wird die Werk­gruppe der Vio­linkonz­erte beschrieben als diejenige, „die beson­ders her­vorsticht aus dem schi­er über­bor­de­nen Bou­quet funkel­nder Pre­tiosen“, der Kom­pon­ist selb­st als „der Alchimist Anto­nio Vival­di im Labor sein­er Kun­st“. Wenn der Autor die Sonette erwäh­nt, heißt es gar: „Noch so eine Ver­rück­theit des wun­der­lichen Venezian­ers?“
Aber nicht nur sprach­lich gehen mit Hinke die sprich­wörtlichen Pferde durch, auch inhaltlich ist er nicht immer präzise. Denn die Sonette sind höchst­wahrschein­lich erst nach der Kom­po­si­tion ent­standen und weniger als „Ver­rück­theit“ zu beze­ich­nen, son­dern dien­ten ganz pro­fan neben der Präzisierung des musikalis­chen Pro­gramms der Steigerung des Verkaufs. Auch wurde es nach Vivald­is Tod 1741 nicht „gän­zlich still um ihn“, wie Hinke schreibt. In Frankre­ich wurde das „Früh­lingskonz­ert“ bis 1763 öffentlich gespielt, Jean-Jacques Rousseau veröf­fentlichte 1775 eine Bear­beitung für Tra­vers­flöte, Michel Cor­rette nahm 1782 einige Pas­sagen der „Jahreszeit­en“ in seine Vio­lin­schule auf.
Gaudecks Bilder sind mehr oder weniger abstrak­te Land­schaften sowie Stad­tan­sicht­en aus Venedig. Sie illus­tri­eren die Musik, den Text und sind vielle­icht auch durch Vivald­is Sonette inspiri­ert. Die Land­schaften auf den Bildern verän­dern sich je nach Jahreszeit, behal­ten aber ihren stets zarten und feingliedri­gen Farb­stil bei (wie auch in anderen Büch­ern dieser Rei­he mit Aquarellen Gaudecks zu erken­nen, z.B. zu Theodor Fontane oder Rain­er Maria Rilke), während Vivald­is Musik in ihrer Expres­siv­ität und auch in ihrem dynamis­chen Ambi­tus ein weit größeres Spek­trum eröffnet.
Jörg Jew­an­s­ki