Yoshiaki Onishi

Antefenas-Studies

für Ensemble und Elektronik, Studienpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Gravis
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 67

Ante­fe­nas“ – bedeutet so viel wie Antiphon oder Anthem, allerd­ings ohne religiöse Anklänge, ein Wech­sel zwis­chen einem unverän­der­lichen und einem sich entwick­el­nden Ele­ment. Es geht Yoshi­a­ki Onishi um die gegen­seit­ige Bee­in­flus­sung, ja, Verän­derung der Wahr­nehmung von Klän­gen. Auf der einen Seite die Spiel­er des Ensem­bles mit tra­di­tionellen, aber stark verän­derten Instru­menten – und auf der anderen Seite die zuvor einge­spiel­ten und nun über ein Mas­terkey­board in den Raum hinein schal­len­den MIDI-Ton-Schnipsel.
Somit ist das Pro­gramm klar umris­sen: Verän­derun­gen in Raum und Zeit erleb­bar zu machen ist das Ziel des 1981 im japanis­chen Hokkai­do gebore­nen und heute in den USA leben­den Kom­pon­is­ten. Bei der Suche nach dem Klang ist er sich auch in diesen 2018 kom­ponierten und Robert Coburn gewid­me­ten Stu­di­en treu geblieben, neu ist aber der kon­se­quente Ein­satz der Elektro­nik. Auf den ersten Blick scheint das ein Rück­griff auf die Anfänge der exper­i­men­tiellen Musik zu sein, als das Ton­band (später der Syn­the­siz­er) Einzug in die Konz­ert­säle fand, aber Onishi ver­fol­gt doch einen anderen Ansatz. Es geht ihm nicht um Ver­frem­dung oder Erweiterung des Klangspek­trums, die für die Urauf­führung im Feb­ru­ar 2019 eingespiel­ten MIDI-Dat­en sind Kon­stanten. Unverän­der­bar, immer gle­ich klin­gend, bilden sie den Gegen­part zum wech­sel­nden Klang der live gespiel­ten Instru­mente. Detail­liert ist zu Beginn der Par­ti­tur das Set­ting der Elek­tron­ik erläutert. Die genaue Stel­lung von MIDI-Key­board, PC und Audioin­t­er­face bis hin zur Stel­lung der Box­en wer­den vorgeschrieben. Auch die Quelle der MIDI-Dateien und der „Antefenas-Studies-MaxPatch.24.app“ wer­den genan­nt.
Perkus­siv begin­nt die in drei große Teile gegliederte Kom­po­si­tion den ersten Akustik-Dia­log. Der prä­pari­erte Flügel (die tiefen Sait­en sind mit Schrauben, die hohen durch Kle­be­band oder Gum­mi verän­dert) tritt durch einzelne Pat­terns in den Dia­log mit den tiefer scordierten Stre­ich­ern und dem Per­cus­sion­block. Allmäh­lich kom­men die MIDI-Klän­ge dazu. Für Onishi mis­chen sich damit Räume und Wahrnehmungen. Die Klänge des realen Raums treten in den Dia­log mit dem virtuellen, zuge­spiel­ten Klan­graum. Die Inten­sität der bei­den Räume verdichtet sich und mün­det in den MIDI-freien Mit­tel­teil. Bläserk­langfet­zen tre­f­fen auf die ver­fremde­ten Pianok­länge, mal drän­gend, mal sich treiben lassend leucht­en sie den realen Raum aus und mün­den wieder in einen Akustik-Dia­log, der die Klang­sprache des Anfang­steils auf­greift. Somit schließt sich der Kreis.
Die Ante­fe­nas-Stud­ies sind eine recht sper­rige Kom­po­si­tion. Der Man­gel an Klang-The­matik, die Dom­i­nanz des Geräuschhaften erschw­eren den spon­ta­nen Zugang. Das Abrufen der MIDI-Sequen­zen über ein Mas­terkey­board macht das Lesen der Par­ti­tur nicht ger­ade über­sichtlich. Aber Yoshi­a­ki Onishi hat eine neue Tür für die Elek­tron­ik aufgestoßen. Seine Ante­fe­nas-Stud­ies sind wed­er manieriert noch durch elek­tro­n­is­che Spiel­ereien über­lastet. Wer sich auf das Konzept ein­lässt, wird in eine span­nende Welt geführt.
Markus Roschin­s­ki