Stranz, Ulrich

Anstieg – Ausblick

für Orchester, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2007
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 62

Mit dieser Par­ti­tur liegt die „posthume Erstaus­gabe“ eines Werks vor, das durch Nuan­cen­re­ich­tum, eine bre­ite klan­gliche Farb­palette und fein gestal­tete Klang­prozesse charak­ter­isiert ist. Es erfordert eine hohe Präzi­sion beim Zusam­men­spiel und ein aufmerk­sames Aufeinan­der-Hören der Instru­men­tal­is­ten. Anstieg – Aus­blick ist ein Auf­trag des Aar­gauer Sym­phonie-Orch­esters. Es wurde am 12. Novem­ber 2002 in Aarau (Schweiz) vom Aar­gauer Sym­phonie-Orch­ester unter der Leitung von Israel Yinon uraufge­führt.
Wie Stranz selb­st in Kom­mentaren preis­gab, war das Werk ursprünglich als Kom­po­si­tion für Orch­ester und Stimme gedacht, wobei der Text auf das The­ma Alpen/Bergwelt Bezug nehmen sollte. In Erman­gelung eines geeigneten Textes und aus Skep­sis gegenüber der Ver­to­nung von Tex­ten generell habe sich das Werk dann zum Orch­ester­w­erk hin entwick­elt, wobei die innere Verbindung zur alpinen Gedanken‑, Stim­mungs- und Assozi­a­tion­swelt aber erhal­ten geblieben sei. Mit aller Vor­sicht ist dem­nach hier von ein­er Art pro­gram­ma­tis­chem Entwurf zu sprechen – ohne dass etwa ein Pro­gramm vor­läge.
Der Idee „Anstieg – Aus­blick“ lässt sich denn auch die Formkonzep­tion zuord­nen. Dem „Anstieg“ entspräche der erste, deut­lich län­gere Teil, der in Wellen­be­we­gun­gen gle­ich­sam vor­wärts drängt und innehält bzw. zurück­fällt, dem „Aus­blick“ der zweite Teil, der von großer Ruhe geprägt ist und sich weit ver­strömt. Merk­würdig, dass bei­de Teile vom Umfang und von der Dauer her unter­schieden sind – der erste ist deut­lich länger als der zweite –, sie aber den­noch als dur­chaus gle­ichgewichtig und gle­ichrangig zu hören sind! Der Höhep­unkt, in den der erste Teil ein­mün­det und der zugle­ich den Umschlag vom „Anstieg“ zum „Aus­blick“ bedeutet, wird nach deut­lich­er Beschle­u­ni­gung, starkem dynamis­chen Wach­s­tum und Ton­höhenanstieg erre­icht. Der Umschlag zum „Aus­blick“ erfol­gt plöt­zlich, „subito“: „sub. molto meno mosso“ heißt es in der Par­ti­tur (S. 32). Liegek­länge und weit ges­pan­nte Melo­di­en, die wie in Zeitlupe zu sin­gen sind, prä­gen von jet­zt an das Klang­bild. Der let­zte Klang, ein h”’ der 1. Vio­li­nen, wird über­aus lang gehal­ten und ver­liert sich im Decrescen­do; etwas eher als dieser Klang ver­schwinden die übri­gen Stre­ich­er (Vl 2, Vla, Vcl, Kb) in der Weite.
Die Instru­mente (Holzbläs­er, Blech­bläs­er, Pauken, Schlagzeug mit drei Spiel­ern, Harfe, Stre­ich­er) wer­den sehr trans­par­ent einge­set­zt, sodass durch die Art ihres Zusam­men­spiels (Par­al­lelführun­gen der Stim­men, Fort­set­zung ein­er Stimme in ein­er anderen, Abspal­tun­gen von solis­tis­chen Stim­men) dif­feren­zierte Klang­prozesse und viel­er­lei Fär­bun­gen von Klän­gen zus­tande kom­men. Hier wenige Beispiele: Die Violen geben einen Impuls, solis­tisch wird dieser Impuls fort­ge­tra­gen (flaut., sul tas­to); die Kon­tra­bässe set­zen einen Akzent (pizz.), im Solo-Kon­tra­bass wird dieser Akzent einge­färbt („mit der Hand auf Instr.-Korpus geschla­gen“); die Flöten hal­ten einen Liegeklang aus, der durch die Par­al­lelität der Stim­men eine eigene Fär­bung und seine spezielle Dauer gewin­nt. Far­blich sehr bunt wird das Werk nicht zulet­zt auch durch den Ein­satz des Schlagzeugs.
Eva-Maria Houben