Robert HP Platz

Anderswo: Wand

für Orchester (2017/18), Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ricordi, Berlin
erschienen in: das Orchester 11/2019 , Seite 63

Das allererste, was ich von der Kun­st ver­lange, ist: dass sie wahr sein soll.“ Das alte Rin­gen zwis­chen Wahrheit und Schön­heit: es beschäftigt auch den Kom­pon­is­ten Robert HP Platz. Musik soll an die Wirk­lichkeit andock­en – und die ist wider­sprüch­lich, abgründig, rät­sel­haft, hässlich, aber auch großar­tig, makel­los, kost­bar.
Auch in seinem neuen Orch­ester­w­erk Ander­swo: Wand bleibt Platz dieser Lin­ie treu. Die Wand, von der hier die Rede ist, ist zunächst nicht als Objekt vorhan­den, son­dern liegt wie unter einem dick­en Nebel ver­bor­gen. Sie ist mehr spür­bar als sicht­bar und kündigt sich als „Wuchtiges, Undurch­dringlich­es, Dicht­es“ an. „Bei genauem Hinsehen/Hinhören nimmt man Einzel­heit­en wahr, Inschriften; aus der Masse schälen sich Indi­viduen her­aus, die, je weit­er das Stück sich entwick­elt, desto mehr sich ent­fal­ten kön­nen“, schreibt Platz im Vor­wort zur Par­ti­tur.
Rein musikalisch gese­hen kön­nte man das Stück als mod­erne Inter­pre­ta­tion des barock­en Prinzips des „Con­certare“ begreifen: Solis­tis­che Stim­men heben sich kon­trastierend aus einem Gesamtk­lang her­aus oder wech­seln mit ihm ab. Am Beginn bietet das Orch­ester mas­si­gen Klang: Tiefe Stre­ich­er plus Blech­bläs­er leg­en ein Fun­da­ment aus Liegetö­nen, hohe Stre­ich­er repetieren gle­ich­mäßig einen schnei­dend-dis­so­nan­ten Akko­rd, eine auf­steigende Fig­ur der Holzbläs­er weht wie ein kräftiger Wind­hauch durch die Szener­ie. Danach set­zt ein Prozess der Zer­faserung, der Auflö­sung ein, der den kom­pak­ten Klang in ein Geflecht aus Einzel­stim­men über­führt. Nach und nach schälen sich solis­tis­che Motive her­aus: in der Vio­la, in der Flöte, in der Klar­inette, im Horn – eine Dialek­tik, die sich mehrfach wieder­holt.
Das alles nun ist nicht ein­fach ästhetis­ches Spiel. Platz über­set­zt nicht die Mate­ri­al­struk­tur ein­er Wand in Klänge (wie etwa Enno Poppe, der sich in seinem Stück Wand als Klang­forsch­er betätigt). Bei Platz ste­hen die solis­tis­chen Par­tien für die Namen von Opfern ein­er Tyran­nei, wie sie auf ein­er Wand der Erin­nerung verze­ich­net sein kön­nten. Wahrheit schließt Schön­heit natür­lich nicht aus: Platz’ Musik ist geschmei­dig, lyrisch, kraftvoll, die Solopar­tien sind zart und empfind­sam, alles ist sehr orches­tral gedacht und enthält keine ungewöhn­lichen Effek­te oder Spiel­tech­niken.
Das Schlagzeug (fünf Fellinstru­mente), eine Vio­line und ein Englis­chhorn sollen im Raum verteilt wer­den. Die Par­tie von Flöte, Englis­chhorn, Harfe und Vio­line ist als eigenes Quar­tett im Anhang 1 unter dem Titel „Langsames Ver­s­tum­men“, die Flöten­stimme hier­aus als Anhang 2 unter dem Titel „Faust“ beige­fügt. Gemeint ist offen­bar Michael Faust, Soloflötist des WDR Sin­fonieorch­esters, das die Urauf­führung besorgte.
Ander­swo: Wand, kom­poniert 2017 und 2018, ist als „imag­inäre Opern­szene“ für eine Kam­merop­er gedacht, die derzeit im Entste­hen ist. Die Hand­lung wird um Philipp von Boe­se­lager und den Wider­stand gegen die Naz­i­herrschaft kreisen. Das siebzehn­minütige Stück erlebte seine Urauf­führung am 12. Jan­u­ar 2019 im Funkhaus des WDR in Köln (Mitschnitt auf YouTube).
Math­ias Nofze