Franco Faccio

Amleto

Prague Philharmonic Choir, Wiener Symphoniker, Ltg. Paolo Carignani

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos
erschienen in: das Orchester 12/2019 , Seite 66

Die Aufführungschronik von Fran­co Fac­cios Amle­to ist kurz, der Erken­nt­nis­gewinn über die Entwick­lung der ital­ienis­chen Oper durch dieses Werk allerd­ings riesig. Nach der Uraufführung in Gen­ua 1865 und ein­er Reprise an der Mailänder Scala 1871 war es bis zu den Vorstel­lun­gen in Baltimore/Maryland und an der Opera South­west von Albu­querque (2014) in Antho­ny Bar­reses Rekon­struk­tion still um die zweite Oper von Verdis Lieblings­diri­gen­ten, des Direk­tors des Mailänder Kon­ser­va­to­ri­ums und der Mailänder Scala.
Inzwis­chen hat­te 2018 die Oper Chem­nitz Olivi­er Tam­bo­sis Insze­nierung für die Bre­gen­z­er Fest­spiele 2016, wo der vor­liegende Zusam­men­schnitt mehrerer Vorstel­lun­gen im Fest­spiel­haus ent­stand, mit Erfolg übernommen. Auch an diesem kleineren Haus erwies sich die Tragfähigkeit von Fac­cios überaus far­biger und abwech­slungsre­ich­er Par­ti­tur.
An dem Libret­to Arri­go Boitos merken heutige Hörer kaum, dass sich der junge Intellek­tuelle in Kon­fronta­tion­skurs zum Opern-Main­stream um 1860 befand. Aber dafür besticht, wie Boito die Tragödie Shake­spear­es für Fac­cio mit ähnlichem Geschick wie später Otel­lo für Ver­di ein­richtete. Dra­ma, Kolorit und Anlässe für Musik hat­te Boito so gestal­tet, dass Fac­cio eine verhältnismäßig freie Folge for­maler Ein­heit­en über den Text leg­en kon­nte.
Pao­lo Carig­nani zeigte mit den Wiener Sym­phonikern und dem Prager Phil­har­monis­chem Chor wirk­lich alles, was in dieser Par­ti­tur steckt: die Geschmei­digkeit drama­tis­ch­er Entwick­lun­gen wie in der französischen Oper, den sich satt steigern­den melodis­chen Bogen beim Trauerzug für die tote Ofe­lia, die Kon­trast­wirkun­gen zwis­chen inti­men Momenten wie der Erschei­n­ung von Amle­tos totem Vater und die viel­teilige Fest­szene am Beginn zwis­chen Knall­wirkun­gen und Burleske. Tenor Pavel Černoch bewältigt die außergewöhnlich umfan­gre­iche Titel­par­tie mit nicht son­der­lich aus­laden­dem, dafür mit Bewusst­sein für Fac­cios melodis­che Architek­turen agieren­den Stim­mein­satz. Das gesamte Ensem­ble zeich­net sich durch passend tim­bri­erte und nicht zu drama­tisch aus­ladende Stim­men aus. So kommt die im ständigen Wech­sel von bewährten Mustern und Auf­bruch sprin­gende Kom­po­si­tion zur span­nen­den Gel­tung.
Ger­ade in der enorm beein­druck­enden Gestal­tung der Übergänge zwis­chen geschlosse­nen und deklamierten Pas­sagen hört man, wie erst Boito in der überlieferten Fas­sung von Mefistofele (1875) und Ver­di dann in den Bear­beitun­gen von Simon Boc­cane­gra (1881) und Don Car­lo (1884) Errun­gen­schaften aus Fac­cios Amle­to weit­er ent­fal­teten. Umso bemerkenswert­er ist Fac­cios Par­ti­tur auch, weil diese wesentlich flex­i­bler und dynamis­ch­er wirkt als der drei Jahre später uraufgeführte Ham­let von Ambroise Thomas oder Goun­ods Roméo et Juli­ette. Ver­schwiegen sei es nicht: Fac­cio ist wie in der Walz­er-Erup­tion des Festes dur­chaus etwas rückfallgefährdet, aber seine zukun­ftsweisenden und bis Cata­lani und Mon­te­mezzi wirk­samen Meriten lohnen die weit­ere Beschäftigung mit dieser „Trage­dia lir­i­ca“ unbe­d­ingt.
Roland Dip­pel