Rolando Villazón

Amadeus auf dem Fahrrad

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt
erschienen in: das Orchester 12/2020 , Seite 64

Fasz­i­na­tion Salzburg. Der Traum, ein berühmter Sänger zu wer­den. Geträumt in ein­er auf den ersten Blick musik­fre­undlichen Fam­i­lie, die beim berühmten zweit­en Blick der Musik nicht aus Pas­sion, son­dern aus Pres­tige­grün­den frönt, und dies ohne Zugangs­berech­ti­gung für den sanges­freudi­gen Sohn. Sein Vater nen­nt ihn immer wieder einen „Unfall“ – welch eine Bürde für einen jun­gen Menschen!
Vom Weg hin­aus, vom Träu­men, vom Scheit­ern, von der Fre­und­schaft han­delt Rolan­do Vil­lazóns drit­ter Roman – vom Suchen und Find­en. Der junge Mexikan­er Vian Mauer ver­sucht im Som­mer 2015 seinen Traum von ein­er Sängerkar­riere zu ver­wirk­lichen, reist auch tat­säch­lich mit einem Engage­ment nach Salzburg. Dort erlebt er die Fest­spielzeit gle­ich­sam als Reise zum eige­nen Ich, in ein­er sehr eige­nen, anfangs bemüht, später sog­a­r­tig poet­isch wirk­enden Sprache, die den Leser zunächst in ihrem schi­er über­bor­den­den Far­bre­ich­tum sehr fordert. Der Sta­tist Vian kann mit­nicht­en den Sprung in die angestrebte Kar­riere ver­wirk­lichen, immer wieder ste­hen ihm seine Ver­gan­gen­heit, die über­mächtige Vater­fig­ur und der daraus resul­tierende Man­gel an Selb­stver­trauen im Weg.
Vil­lazón schafft hier im Spiegel der Don Gio­van­ni-Insze­nierung, an der sein liebenswert­er, chao­tis­ch­er, unglück­lich­er, hil­flos­er Pro­tag­o­nist mitwirkt, gewis­ser­maßen eine Kom­tur-Über­for­mung, die der junge Mann mit Hil­fe seines inneren Dialogs mit Mozart über­winden muss, um den Weg in ein selb­st­bes­timmtes Leben zu find­en. Die gewählte Ich-Per­spek­tive sug­geriert einen pseu­do auto­bi­ografis­chen Zugang, lässt den Leser teil­haben an teils inten­siv­en Gefühlen, die auch den Mut zum deut­lichen Unwohl­sein mit ein­beziehen. Unwillkür­lich lei­det man mit und an Vian, seinen trost­losen Gefährten (genial geze­ich­net: Vians teu­flis­ches Alter ego, aus­ges­tat­tet mit sämtlichen Eigen­schaften, an denen es Vian man­gelt, und stets unfass­bar boshaft: Jacques; nicht greif­bar, labil und doch ein wirkungsvolles Kor­rek­tiv: Julia) und seinem Vater. Vil­lazón entwick­elt seinen Pro­tag­o­nis­ten Vian geschickt. Als beg­nade­ter Erzäh­ler bildet er aus schi­er über­bor­den­den Ein­fällen ein Psy­chogramm der Schwächen, die in kathar­tis­ch­er Feuers­g­lut in ein­er film­reifen Ver­fol­gungs­jagd zum neuen Vian gewan­delt wer­den und ret­ro­spek­tiv in ein ver­sön­lich­es selb­st­bes­timmtes Leben führen. Natür­lich in Salzburg.
Rol­lan­do Vil­lazóns Roman ist eine Liebe­serk­lärung an Salzburg, die Fest­spiele, die Musik. Und natür­lich an Mozart! Sein „Dram­ma gio­coso“ fes­selt mit sein­er fil­igra­nen Fig­uren­führung, den zahlre­ichen Don-Gio­van­ni-Spiegelun­gen, dem maset­toesken Bezug zum Pro­tag­o­nis­ten. Wieder sehr sen­si­bel aus dem Spanis­chen von Willi Zur­brüggen über­set­zt, evoziert Amadeus auf dem Fahrrad eine Sehn­sucht nach dem jugendlichen Ich, den ver­passten Möglichkeit­en, dem Aus­brechen aus vielle­icht vorgeze­ich­neten Bah­nen: die Sehn­sucht nach Farbe. Allen Farben.
Christi­na Humenberger