Wersin, Michael

Am Anfang war der Dreiklang

Eine Harmonielehre mit Hörbeispielen, mit CD

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carus/Reclam, Stuttgart 2016
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 55

Har­monielehren gibt es viele – eine Tat­sache, die Michael Wersin bewusst ist. Schon im Vor­wort präsen­tiert er deswe­gen das Konzept seines Buchs Am Anfang war der Dreik­lang, das sich eher als Lese­buch denn als typ­is­che Har­monielehre mit Übun­gen für die erk­lärten har­monis­chen Phänomene ver­ste­ht.
Nach ein­er kurzen Ein­führung in die Dreik­langsstruk­tur, die schon durch philosophis­che Betra­ch­tun­gen zu Klang und akustis­chem Empfind­en ver­schieden­er Dreik­länge angere­ichert wird, wer­den diverse Werke aus ver­schiede­nen Epochen der klas­sis­chen Musik analysiert. Anhand der auf­tauchen­den Akko­rde wer­den har­monis­che Konzepte wie Dreik­lang­sumkehrun­gen, weite/enge Lage und die Analyse eines Akko­rds erk­lärt.
Wersins Sprache ist kom­plex und sehr bild­haft, was manchen har­monis­chen Geset­zen mehr Dra­matik ver­lei­ht, als nötig wäre. Um die Erk­lärun­gen zu ver­ste­hen, bedarf es auf jeden Fall solid­er musikalis­ch­er Vorken­nt­nisse. Der unbe­darfte Laie mit rudi­men­tärem Ver­ständ­nis dürfte angesichts der leicht ver­schwurbel­ten Erk­lärun­gen schnell ver­wirrt sein. Anhand von Lit­er­aturbeispie­len von Johann Her­mann Schein, Prae­to­rius, Schu­mann, Wag­n­er und anderen Kom­pon­is­ten erk­lärt Wersin unter anderem den Quartvorhalt, den Quart­sex­takko­rd, diverse Kaden­zen, ver­liert sich aber oft in ein­er eher eso­ter­isch wirk­enden Analyse des jew­eili­gen Stücks, anstatt deut­lich zu erk­lären, welche har­monis­chen Geset­ze der Kom­po­si­tion zugrunde liegen. Anhand des Impres­sion­is­ten Debussy wer­den auch Ganz­ton­leit­er und pen­ta­tonis­che Skalen gestreift.
Im Nebel der blu­mi­gen Sprache des Autors ver­schwimmt das Ziel der Har­monielehre zuse­hends: Soll es ein Lese­buch für den ambi­tion­ierten Har­moniker sein oder doch eher bes­timmte har­monis­che Phänomene anhand von Kom­po­si­tio­nen ver­schieden­er Epochen demon­stri­eren? Selb­st für den har­monisch bewan­derten Musik­er ist es manch­mal schw­er zu ver­ste­hen, um was es bei den Erk­lärun­gen eigentlich geht – har­monis­ches Ver­ständ­nis oder eher philosophis­che Inter­pre­ta­tion eines Musik­stücks?
Am Ende lässt Wersins Buch den Leser etwas rat­los zurück. Für den Laien zu kom­plex und den Har­monielehre-Ken­ner zu philosophisch ist es eher ein zeitweise unter­halt­sames Lese­buch mit eingeschobe­nen har­monis­chen Analy­sen. Die genaue Inten­tion des Buchs bleibt mir als Musik­er aber unklar. Für eine Har­monielehre ist der Auf­bau des Buchs nicht klar struk­turi­ert genug und für ein Lese­buch zur har­monis­chen Vielfalt von Musik­stück­en zu ana­lytisch, was das Lesen des Werks eher anstren­gend macht.
Mar­tin Schmidt