Franz Welser-Möst / notiert von Axel Brüggemann

Als ich die Stille fand

Ein Plädoyer gegen den Lärm der Welt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Brandstätter
erschienen in: das Orchester 02/2021 , Seite 62

Zum 60. Geburt­stag von Franz Welser-Möst ist im Wiener Brand­stät­ter-Ver­lag eine lesenswerte Auto­bi­ografie erschienen. Der öster­re­ichis­che Diri­gent begreift sie als „Weg­weis­er für die näch­sten Gen­er­a­tio­nen von Musik­ern“. In den von dem Jour­nal­is­ten Axel Brügge­mann aufgeze­ich­neten Erin­nerun­gen set­zt Welser-Möst sich kri­tisch mit seinem beru­flichen Werde­gang auseinan­der. Gle­ich im Vor­wort rät er jun­gen Kün­stlern, sich nicht von ihren ersten Erfol­gen blenden zu lassen.
Welser-Mösts inter­na­tionale Kar­riere ver­lief nicht ohne Brüche. Als Kind wuchs er in Ober­röster­re­ich mit Haus­musik auf, alle Fam­i­lien­mit­glieder spiel­ten ein Instru­ment. Er lernte Geige, besuchte das Musik­gym­na­si­um in Linz und strebte eine Orch­ester­lauf­bahn an. Ein schw­er­er Autoun­fall im Alter von 18 Jahren durchkreuzte jedoch diese Pläne.
For­t­an konzen­tri­erte er sich ganz auf das Dirigieren. Nach Sta­tio­nen in Win­terthur, Lau­sanne und Nor­rköping in Schwe­den wurde er mit nur 30 Jahren Chefdiri­gent des Lon­don Phil­har­mon­ic Orches­tra – eine Entschei­dung, die er let­ztlich bereute. Denn die britis­che Presse ließ kein gutes Haar an dem New­com­er. Nach langem Zwist mit dem Orch­ester gab er den Posten schließlich nach sechs Jahren auf. Weitaus pos­i­tiv­er waren seine Erfahrun­gen am Zürcher Opern­haus während der Inten­danz von Alexan­der Pereira. Als Gen­eral­musikdi­rek­tor der Wiener Staat­sop­er fand er dage­gen keine gemein­same Lin­ie mit dem dama­li­gen Opernchef Dominique Mey­er.
Offen spricht Welser-Möst über Erfolge und Rückschläge, ohne dass das Buch zu ein­er Abrech­nung mit seinen Antag­o­nis­ten wird. Aus­ge­hend von per­sön­lichen Erleb­nis­sen reflek­tiert er seine Arbeit als Diri­gent und die Rolle der Musik in der heuti­gen Gesellschaft. Als Chefdiri­gent des Cleve­land Orches­tra in den USA, wo sein Ver­trag bis 2027 ver­längert wor­den ist, beschäftigt er sich inten­siv mit Edu­ca­tion-Pro­jek­ten für Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schicht­en. Wenn klas­sis­che Musik in der gesamten Stadt ver­bre­it­et werde, eröffneten sich den Men­schen neue Chan­cen, glaubt er. Das Miteinan­der eines Orch­esters habe Vor­bild­charak­ter, wobei sich die Klangkör­p­er auch immer der Frage nach ihrer Rel­e­vanz stellen müssten. „Es hil­ft wenig, auf tra­di­tionelle Rollen und Rechte zu pochen.“
Scharfe Kri­tik übt er an der „schrillen Ver­mark­tung der Klas­sik und ihrer Konz­erte“, ein­er vor­rangig prof­i­to­ri­en­tierten Even­tkul­tur und dem schnellen Ver­heizen des Kün­stler­nach­wuch­ses. Die Gedanken des Diri­gen­ten über Stille und Entschle­u­ni­gung als Gegen­pole zum hek­tis­chen, lär­menden All­t­ag sind der rote Faden, dem das Buch seinen Titel ver­dankt. „Das Ide­al, das ich suche, bedeutet auch, der Musik Zeit zu geben“, beken­nt Welser-Möst. „Mir ist es wichtig, lange gemein­same Wege mit einem Orch­ester zu gehen. Weit­er als jedes Mal nur bis zum näch­sten Konz­ert.“ Die Auseinan­der­set­zung mit den tagtäglichen Fra­gen sei der kleingepflasterte Weg zum großen Ganzen.
Cori­na Kolbe