Bruno Preisendörfer

Als die Musik in Deutschland spielte

Reise in die Bachzeit

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Galiani, Berlin
erschienen in: das Orchester 03/2020 , Seite 58

Das vor­liegende Buch beweist ein­mal mehr mit Nach­druck, wie sehr die mitunter ganz banal erscheinende All­t­agskul­tur, das tägliche Mit- und Gegeneinan­der, das Leben des Men­schen prägt und wie sich daraus, zusam­menge­set­zt aus unüberse­hbar vie­len wech­sel­seit­ig aufeinan­der bezo­ge­nen Einzel­heit­en, der Geist ein­er Epoche definiert. Preisendör­fer ent­führt den Leser ins Deutsch­land der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts: in die Zeit prächtig resi­dieren­der Herrsch­er, auf­streben­der Kün­stler, sich emanzip­ieren­der Wis­senschaft und ein­er strikt ständisch-hier­ar­chisch gegliederten Gesellschaft. In elf Großkapiteln wer­den prak­tisch alle wesentlichen Bere­iche des dama­li­gen Lebens the­ma­tisiert: die all­ge­meine poli­tis­che Lage nach den lange weit­er­wirk­enden Ver­heerun­gen des Dreißigjähri­gen Krieges, Gemein­samkeit­en und Unter­schiede in der Hofhal­tung einzel­ner Fürsten und Herrsch­er, das Leben in den Städten, auf dem Land und in der Natur als Pro­jek­tions­fläche, die sich wan­del­nde Rolle der Kirche, die Musik und der soziale Sta­tus des Musik­ers, Klei­dung, Mode, Kör­perpflege, Kos­metik und Medi­zin, Bil­dung an Schulen und Uni­ver­sitäten, das Zusam­men­leben von Mann und Frau, die Bedeu­tung von Kaf­fee, Schoko­lade, Tabak und Blu­men zur Ver­schönerung des All­t­ags und vieles andere mehr.
Dies alles ist – von der ersten bis zur let­zten Seite – unglaublich inter­es­sant und gut geschrieben. Der Leser wird in sein­er Eigen­schaft als Nor­mal­bürg­er ange­sprochen und abge­holt; er find­et in jedem Kapi­tel direk­ten Anschluss, sieht sich mit Sor­gen, Nöten, aber auch mit angenehmen Din­gen kon­fron­tiert, mit denen er selb­st sein Leben lang zu tun hat. Und bei allen Freuden der dama­li­gen Zeit ist er am Ende doch froh, im Hier und Jet­zt zu leben; man lese nur die dankenswert­er­weise erst ganz am Ende platzierte Schilderung ein­er Augen­op­er­a­tion (der sich zum Beispiel Bach und Hän­del unter­zo­gen haben).
Preisendör­fer schreibt keinen Roman, son­dern ein echt­es Geschichts­buch im besten Sinne, in dem auch von Musik die Rede ist; insofern ver­rät der Unter­ti­tel deut­lich­er als der Titel, worum es geht. Der Autor ver­traut auf die unver­fälschte Aus­sagekraft der zahlre­ichen Doku­mente aus der dama­li­gen Zeit, die er zitiert und aus­führlich kom­men­tiert, bisweilen mit einem erfreulich sub­jek­tiv­en Ein­schlag. Die Nach­weis­prax­is ist für den wis­senschaftlich geschul­ten Leser etwas gewöh­nungs­bedürftig. Der inter­essierte Laie freilich wird dankbar dafür sein, dass er sich nicht durch einen Wust von Fußnoten wühlen muss.
Im Anhang find­en sich viele weit­er­führende Hin­weise. Zudem sind die einzel­nen Oberkapi­tel klug und sin­nvoll mit Unter­punk­ten und Zwis­chenüber­schriften gegliedert, sodass man bei der fort­laufend­en Lek­türe jed­erzeit prob­lem­los Halt machen kann. Der Ver­lag hat dafür gesorgt, dass aus dem Manuskript ein schönes, geschmack­voll aufgemacht­es Buch gewor­den ist, das keine Wün­sche offen­lässt.
Ulrich Bar­tels