Großkreutz, Verena

Alpenblick als Pausenfüller

Das Verbier Festival bietet neben musikalischer Prominenz und Nachwuchsförderung auch gute Aussichten

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 12/2010 , Seite 45

1.500 Meter hoch liegt er, der mondäne Skiort Verbier in den Schweizer Alpen im französischsprachigen Kanton Wallis. Dort, wo die Einwohnerzahl im Winter von sonst 2.500 auf gut 34.000 Menschen hoch katapultiert, wo man das restliche Jahr aber wegen des rauen Alpenklimas touristisch eher die ruhige Kugel schieben muss, füllt sich der Ort auch im Hochsommer für kurze Zeit mit gutbetuchten Touristen, überwiegend aus Frankreich und der Schweiz. Grund dafür ist das Verbier Festival, das den kleinen Ort seit 1994 immer im Sommer zum kulturellen Anziehungspunkt in Sachen klassischer Musik macht. Dieses Jahr fand das Festival vom 16. Juni bis zum 1. August statt.
Mit einem Ganztagsprogramm von morgens 11 Uhr bis spät in die Nacht gibt es hier Klassik: Während draußen unter blauem Himmel die Alpengipfel locken, sitzt das enthusiasmierte Publikum schon am Morgen in der abgedunkelten, karg-modernen Dorfkirche und lauscht versunken der musikalischen Seelenbeichte des Pianisten Nicholas Angelichs, der mit Bach, Chopin und Schumann der Natur erfolgreich Paroli bietet. Am selben Ort gibt’s nachmittags eine improvisiert in Szene gesetzte Aufführung von Puccinis Oper La Bohème. Nicht mit vollem Orchester, sondern in einer kammermusikalischen Version mit Streichern und Bläsern des Festival-Orchesters. Die Eleven aus der Festival-Akademie haben die Gesangspartien übernommen, unter denen vor allem Narine Ojakhyan als Mimi aufhören lässt. Abends zur Primetime kann man wählen: zwischen einem Arienkonzert von Preisträgern des Operalia-Gesangswettbewerbs und einem Kammermusikabend mit Werken von Mozart, Franck und Schönberg, in dem auch wieder Nicholas Angelich zu hören ist, jetzt zusammen mit dem Quatuor Ebène. Wer dann noch immer nicht müde ist, eilt anschließend in den Salle des Combins, wo Elisabeth Leonskaja den letzten Teil ihrer Gesamtaufführung von Schuberts Klaviersonaten zum Besten gibt.
Weil neben Konzertzelt, Kirche und Kino “zwischendurch” auch die Dorfplätze und Straßen, Chalets und Pubs (nicht nur mit Klassik) bespielt werden, verwandelt sich Verbier für 17 Tage in eine lebendige Musiklandschaft, die das spektakuläre Panorama aus Combin-Massiv und Montblanc zur Nebensache geraten lässt. Angucken kann man “les Alpes” ja auch mal zwischendurch, in der Konzertpause etwa, bei einem Glas Champagner.
Denn die Aussicht ist gut auf dem Vorplatz des Salle des Combins, wo die abendlichen Hauptveranstaltungen stattfinden. Mit seinen 1700 Plätzen ist er aber keine Konzerthalle im üblichen Sinne, sondern nur eine Idee davon: ein zeltartiges, freilich ausgetüfteltes Provisorium, das nach dem Festival wieder abgebaut wird. Seine akustische Dünnhäutigkeit stellt die Zuhörer dann auch immer wieder auf die Probe: Wenn die Alpen ihre ruppige Seite zeigen und Blitz und Donner niederfahren und schweren Regen auf das Zeltdach prasseln lassen, der selbst das lautstarke Finale von Richard Strauss’ Oper Salome, mit deren konzertanter Aufführung das Festival beendet wurde, übertönt. Und Elisabeth Leonskaja brachte am Vorabend das Böllern und Ballern, mit dem die Eidgenossen am Bundesfeiertag an den Rütlischwur erinnern, zum Ausstieg aus dem verinnerlichten Andante aus Schuberts 23. Klaviersonate.
Warum gerade Verbier? Der Festivalleiter und -begründer Martin Engstroem entdeckte den hochgelegenen Flecken Anfang der 1990er Jahre: “Ich war dort viel Ski fahren, es war ein Ort, der total leer war im Sommer, aber eine gewisse Infrastruktur mit Hotels und Restaurants bot. Und was am wichtigsten ist: Verbier ist kein Durchfahrtsort, sondern eine Art Sackgasse: Jeder, der hier ist, will hier auch sein.” Der Erfolg gab ihm Recht. Das Festival, das programmatisch auf Klassik, Romantik und Vorkriegsmoderne aufbaut und deshalb inhaltlich keine Risiken eingeht, kann sich mittlerweile über eine treue, wachsende Besucherschaft freuen, die jedes Jahr nach Verbier pilgert. So etwa das Ehepaar Milani aus Lyon, 66 und 73 Jahre alt, ihres Zeichens Besitzer einer Fabrik zur Herstellung von Aluminiumbauteilen. Die Milanis kommen seit fünf Jahren hierher, um “in Musik zu baden”, wie es Monsieur Milani mit einem Augenzwinkern formuliert. Die Milanis mögen das Festival, weil hier “die besten Artisten herkommen und die Atmosphäre toll ist”. Berühmtheiten geben sich hier die Klinke in die Hand: Martha Argerich schaute dieses Jahr wie so oft vorbei, und Christian Zacharias, Daniel Hope, Natalia Gutman, Mischa Maisky, Evgeny Kissin, Leonidas Kavakos, um nur einige Namen zu nennen. Sie waren in Solorecitals zu hören, als Konzertsolisten, in gemeinsamen kammermusikalischen Projekten.
Ein Großteil des Programms wird aber von Teilnehmern der Verbier Festival Academy und dem Verbier Festival Orchestra bestritten oder zumindest mitgestaltet. Martin Engstroem setzt auf Jugendarbeit und Talentförderung. Das ist sicher das Besondere am Verbier Festival: Sein Leitgedanke, etablierte Künstler mit Nachwuchstalenten zusammenzubringen. Die Verbier Festival Academy bietet nicht nur Meisterkurse (für Gesang und diverse Instrumente) mit renommierten Künstlern und Pädagogen, sondern auch eine eigene Veranstaltungsschiene mit Kostenlos-Konzerten der Teilnehmer, die oft zusammen mit ihren Lehrern auftreten. Die Meisterkurse und die Proben stehen dem Publikum offen. Eines der besonderen Highlights, das auch das Ehepaar Milani besonders schätzt: man lerne dort viel über Musik.
Pulsierendes Herz des Festivals ist das im Jahr 2000 gegründete, gut 100-köpfige Verbier Festival Orchestra (VFO), in dem sich Nachwuchskünstler (von 17 bis 29 Jahren) aus aller Welt sammeln, die in aufwändigen Verfahren ausgewählt wurden. Die Möglichkeit, unter der Leitung berühmter Dirigenten Erfahrungen zu sammeln, schätzen die jungen Musiker sehr. Beim diesjährigen Festival waren es neben dem Chefdirigenten Charles Dutoit Rafael Frühbeck de Burgos, Daniel Harding und Valery Gergiev, die mit dem VFO gearbeitet haben und aufgetreten sind. Das VFO wird extrem gefordert, denn es bestreitet hier – abwechselnd mit dem 2006 gegründeten Verbier Festival Chamber Orchestra aus ehemaligen Mitgliedern des VFO – sämtliche Orchesterkonzerte. Und mit der Umsetzung der komplexen Partitur von Richard Strauss’ Salome im Abschlusskonzert konnte es seine Professionalität und klangliche Raffinesse überwältigend zur Schau stellen.
Finanziell steht das Verbier Festival mit seinem Gesamtbudget von 7,5 Millionen Schweizer Franken auf sicherem Plateau. Den Verlust eines wichtigen Sponsoren im vergangenen Jahr, der Schweizer Großbank UBS, hat man überwunden. Die Schweizer Privatbank Julius Bär unterstützt nun großzügig sowie der Kaffee-System-Hersteller Nespresso. Einige Jahre Sicherheit bieten auch der Hauptsponsor Rolex, die Gemeinde Bagnes, der Kanton Wallis sowie Stiftungen und private Sponsoren. Gegen den Abschiedsgruß “Nächstes Jahr in Verbier!” gibt es künstlerisch sowieso, aber auch in dieser Hinsicht keine Einwände.