Tabachnik, Michel

Allem voran die Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rombach, Freiburg 2012
erschienen in: das Orchester 07-08/2013 , Seite 68

„Das ist per­sön­lich. Dieses Buch wird nicht objek­tiv.“ Mit diesen Worten steckt der Schweiz­er Diri­gent Michel Tabach­nik die Marschroute seines Buchs Allem voran die Musik bere­its auf der ersten Seite ab. Anders als per­sön­lich und etwas egozen­trisch kann es auch kaum ablaufen, wenn ein Diri­gent seine Lebens- und Wirkungs­geschichte in Form eines fik­tiv­en Konz­ert­pro­gramms präsen­tiert. Selb­stver­ständlich han­delt es sich dabei nicht um ein gewöhn­lich­es Konz­ert­pro­gramm, denn es man­i­festiert sich nicht in Tönen, son­dern in den Worten des Autors. Von Xenakis über Straw­in­sky zu Boulez, dann zurück zu Bartók und schließlich zu den Vier let­zten Liedern von Richard Strauss span­nt Tabach­nik den Bogen.
Mit seinen 304 Seit­en ist das 2012 erschienene Buch dabei mehr als abend­fül­lend. Tabach­nik lässt den Leser nicht nur hin­ter den Vorhang des klas­sis­chen Musik­be­triebs schauen, er öffnet ihm außer­dem seinen eige­nen Gedankenkos­mos. Diese Innenan­sicht offen­bart die Frage, wie sich ein Kün­stler heutzu­tage noch sin­nvoll posi­tion­ieren kann zwis­chen eigen­er Frei­heit, Geschmack des Pub­likums, Intellek­tu­al­ität, Abstrak­theit, Handw­erk und meta­ph­ysis­chem Anspruch an die Musik. Ungeschönt und ehrlich lässt Tabach­nik den Leser sein Rin­gen um die Neue Musik im ästhetis­chen, kün­st­lerischen wie im per­sön­lichen Bere­ich mitver­fol­gen. Die Schwierigkeit­en Neue Musik aufzuführen the­ma­tisiert er, ohne sich in eine ver­stiegene Fach­sprache zu verir­ren. Geht es allerd­ings um Xenakis als Fre­und und großen Brud­er, Boulez als Vater­fig­ur, Kara­jan als Lehrmeis­ter, wird Tabach­nik emo­tion­al, bei Xenakis fast eso­ter­isch.
Mit Anek­doten, Erin­nerun­gen, Gefühlen und Gedanken, die sich ras­ant abwech­seln, eröffnet er unge­wohnte Ein­blicke sowohl ins Pri­vate wie auch ins Werk der Kom­pon­is­ten. Man ist qua­si in Echtzeit dabei, wenn Tabach­nik Ter­retek­torh von Xenakis dirigiert und die Erin­nerun­gen an seinen Fre­und ihn fast über­man­nen. Diese assozia­tiv­en Sprünge zwis­chen dem Jet­zt und der Ver­gan­gen­heit fordern dem Leser Kom­bi­na­tionsver­mö­gen ab. Dazu kommt Tabach­niks enorme Bele­sen­heit: Er kon­stru­iert um seine fünf Auswahlw­erke herum einen kul­turäs­thetis­chen, philosophis­chen Rah­men mit Über­legun­gen zur Musikgeschichte. Dabei wird kaum ein Philosoph der abendländis­chen Kul­turgeschichte aus­ges­part: Von Sokrates über Kant, Schopen­hauer, Hei­deg­ger und Wittgen­stein bis zu Sartre kom­men hier alle zu Wort.
Seine eige­nen Über­legun­gen liefert Tabach­nik meist in plaka­tiv­en Ein-Satz-State­ments ab, wie z.B.: „Die Musik ist mehr als eine Kun­st.“ Aber auch eher schwül­stig klin­gen­des roman­tis­ches Gedankengut, dass die Musik das Unaussprech­liche aussprechen könne, wird bemüht. Nichts­destotrotz ist dieses Buch authen­tisch. Es erzählt von einem Leben, das ful­mi­nante Höhep­unk­te, aber auch tiefe Abgründe aufweist. Und sich vielle­icht ger­ade deshalb die großen Fra­gen nach Sinn und Bedeu­tung stellen muss. Die alt­bekan­nte Mys­ti­fizierung des Diri­gen­ten bekommt hier eine berührend per­sön­liche Note.
Desirée Mayer