Christoph Reuter

Alle sind musikalisch – außer manche

Alles über die wunderbare Welt der Musik – und der Beweis, dass wir viel musikalischer sind, als wir denken

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Heyne, München 2021
erschienen in: das Orchester 11/2021 , Seite 66

Dass der Buchti­tel von der „wun­der­baren Welt der Musik“ spricht, muss man sich während des Lesens immer wieder bewusst machen, führen doch des Autors Com­e­dy-Scherze diese so uni­verselle, in all ihren Bere­ichen tran­szendierende, ätherische Kun­st gerne auch in die Niederun­gen nett witzel­nder Banal­ität. Das klingt dann so: „Wie kommt man schlecht gelaunt mit drei Akko­r­den durch sein gesamtes Beruf­sleben? Mit dem Blues. Und den drei Akko­r­den Toni­ka, Sub­dom­i­nante und Dom­i­nante. Falls Ihnen diese drei Fre­unde im let­zten Satz spanisch vorkom­men, lesen sie am besten das Kapi­tel ‚Ein­führung in die Har­monie‘. Danach sind auch Sie Insider.“
Als solch­er wun­dert man sich dann über einen Satz wie „Der Blues ist Pla­giat des 1873 gebore­nen Musik­ers W.C. Handy“ (selb­stver­ständlich mit Hin­weis: „Das ist wirk­lich der Name des Musik­ers“). Gle­ich­wohl ver­fügt der Autor dieses dur­chaus amüsan­ten Buchs zweifel­los über Insid­er­wis­sen. Als Jaz­zpi­anist mit Konz­er­tex­a­m­en, preis­gekrön­ter Musikkabaret­tist und musikalis­ch­er Side­kick bei Eckart von Hirschhausens Shows ist er mit­ten­drin in dieser „wun­der­baren Welt der Musik“.
Sie ist hier einge­fan­gen in 71 ein- bis drei­seit­i­gen Kapiteln, the­ma­tisch ange­siedelt zwis­chen Mar­tin Luther („Das war der Beginn der Song­büch­er“) und „Katzen­musik“, wobei nicht erste Ver­suche auf der Geige gemeint sind, son­dern die Musik, die Katzen erforschter­maßen mögen. Und da wer­den Beethovens „Mond­schein­sonate“ (1. Satz), Bachs „Gold­berg-Vari­a­tio­nen“ oder Chopin-Noc­turnes genan­nt. Stellt man sich die „Katzen­musik“ im Rah­men ein­er von Reuters Kabarettver­anstal­tun­gen vor, wäre das sich­er eine typ­is­che Mitk­latschnum­mer mit lachen­den Publikumsgesichtern.
Dem Leser dieses langge­zo­ge­nen, aufgeschriebe­nen Kabaret­tabends, den der Autor unter „Musik­lieb­habern“ zwis­chen Beethoven-Lieb­habern und Ste­fanie-Her­tel-Fans verortet, bleibt das Schmun­zeln. Bei­de, Leser und Kabarettpub­likum, kön­nen sich auf geschick­te Weise belehrt fühlen. Man liest, dass Musikgeschmack und Intel­li­genz in vielfältiger Rela­tion zueinan­der ste­hen, dass „Fazi­oli keine Nudel“ ist, son­dern eine teur­er ital­ienis­ch­er Flügel. Vom Nutzen des Sin­gens ist dann nicht nur die Rede, son­dern der Leser dieses Buchs bekommt auch prak­tis­che Eins­ingübun­gen geboten. Da sollte Reuter seinen Gesangslehrer noch mal kon­tak­tieren, ob das Hecheln wirk­lich mit­tels Brus­tat­mung geschieht.
Ohne den Hor­ror, der in „Die Auf­nah­meprü­fun­gen“ The­ma ist, kann man „Schnell mal Gitarre ler­nen“ oder sich in „Die C‑Kralle – Klavier spie­len ler­nen in zwei Minuten“ über die arg unbe­queme Akko­rdtech­nik des Autors ärg­ern. Auf Live­musik, die Reuters Büh­nen­shows ihren pfif­fi­gen Charme gibt, muss der Leser verzicht­en. An ihre Stelle treten am Ende jedes Kapi­tels „Ohrwurm“-Vorschläge zum Sel­bersin­gen. Eigene Ohrwürmer kön­nen dort auch aufgeschrieben wer­den. Seien wir also musikalisch! Inka Hagens leichthändi­ge Illus­tra­tio­nen ergänzen den Ton­fall des Buchs.
Gün­ter Matysiak