Alexander Goehr

Piano Trio No. 2

Nighttown op. 100, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 01/2018 , Seite 66

Er ist schon ein ganz beson­der­er „Fall“, dieser Alexan­der Goehr, ger­adezu prädes­tiniert für den berühmten Platz zwis­chen allen Stühlen. Geboren 1932 in Berlin als Sohn des Diri­gen­ten Wal­ter Goehr, eines Schön­berg-Schülers, der sich engagiert der Förderung und Auf­führung Neuer Musik wid­mete, wuchs Alexan­der in Großbri­tan­nien auf. Er studierte Kom­po­si­tion am Roy­al Man­ches­ter Col­lege of Music, grün­dete dort zusam­men mit Peter Max­well Davies und Har­ri­son Birtwistle die New Music Man­ches­ter Group und begab sich 1955 nach Paris zum weit­eren Studi­um bei Olivi­er Messiaen.Im Vere­inigten Kön­i­gre­ich galt er zu dieser Zeit als radikaler Avant­gardist, da er dem dort vorherrschen­den prag­ma­tisch-klas­sizis­tis­chen Main­stream dis­tanziert bis ablehnend gegenüber­stand. Er besuchte die radikal mod­ernistisch aus­gerichteten Inter­na­tionalen Ferienkurse für Neue Musik in Darm­stadt, allerd­ings ohne sich die von seinen ehe­ma­li­gen Paris­er Stu­di­enkol­le­gen Pierre Boulez und Karl­heinz Stock­hausen pos­tulierte Forderung nach einem kon­se­quenten und kom­pro­miss­losen Bruch mit aller musikalisch-ästhetis­chen Tra­di­tion zu eigen zu machen.Ganz im Gegen­teil. In einem offe­nen Brief an Boulez schrieb er, dessen sein­er Mei­n­ung nach ide­olo­gie-basiert­er seri­al­is­tis­ch­er Ansatz bedeute „eine bewusste Eli­m­inierung der sinnlichen, drama­tis­chen oder expres­siv­en Ele­mente, in der Tat von allem, was aus pop­ulär­er Sicht Musik aus­macht“. Boulez wiederum revanchierte sich 1963, als er, damals bere­its ein berühmter und gesuchter Diri­gent, eine Auf­führung von Goehrs Lit­tle Sym­pho­ny mit den Worten ablehnte: „So etwas dirigiere ich nicht!“ Wie klingt sie denn nun eigentlich, diese Musik „zwis­chen den Wel­ten“?
Bei Schott ist nun das im Juni 2017 uraufge­führte 2. Klavier­trio op. 100 erschienen. Das 13 Minuten lange Werk trägt den Unter­ti­tel Night­town und gliedert sich in fünf kurze Abschnitte: Entrance, Admo­ni­tion of a Grand Lady [Mah­nung ein­er großen Dame], Tripudi­um [Kriegs- oder Waf­fen­tanz], Lament, Depar­ture. Gerne hätte man etwas mehr über das angedeutete Pro­gramm gewusst. Lei­der hat der Kom­pon­ist davon abge­se­hen, der tadel­los gehal­te­nen Note­naus­gabe ein paar erläuternde Worte beizufügen.Die Musik­sprache ist, wenn man so will, tra­di­tionell in dem Sinn, dass Goehr gän­zlich auf den Ein­satz soge­nan­nter „neuer“ Spiel­tech­niken (die in der Regel so neu ja gar nicht mehr sind) verzichtet. Die vorgestell­ten Motive sind ein­prägsam und von gestisch-expres­siv­er Präg­nanz, halb- und poly­tonale Ele­mente dominieren. Diese beson­ders im Lamen­to sehr aus­drucksstarke Musik teilt sich sinnlich-ästhetisch erleb­bar mit, sie verzichtet getreu Goehrs Überzeu­gung auf jeglichen ide­ol­o­gis­chen Über­bau, auf provozierende, grob ver­störende oder gar erzieherische Ele­mente, ohne deshalb platt oder flach zu sein.Ist das nun kon­ser­v­a­tiv? Und was ist in unser­er heuti­gen, „post­mod­er­nen“, in vielem eher fortschrittsskep­tis­chen Zeit eigentlich pro­gres­siv? Und am wichtig­sten: Was küm­mert das einen Kün­stler, der, wie Goehr, wirk­lich etwas zu sagen hat?
Her­wig Zack