Dvarionas, Balys

Album für Geige

Für Geige und Klavier, Band 1 und 2, jeweils Partitur und Einzelstimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Karthause-Schmülling, Kamen 2007
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 61

„Ich glaube, dass es die Beru­fung eines Musik­ers ist, Schön­heit, Tugend und Har­monie zu ver­bre­it­en, eben­so wie einen Men­schen zu erziehen und ihn über den rein pro­sais­chen Charak­ter des Lebens hin­aus zu erheben. Mein­er Mei­n­ung nach haben diejeni­gen Unrecht, die sagen, dass diese Hal­tung den Kon­takt mit der Zeit ver­löre. Während viel­er tausend Jahre sind die Ide­ale der Men­schheit in bezug auf die Tugen­den die gle­ichen geblieben: Liebe, Wahrheit, Frei­heit und Fre­und­schaft. Es ist nicht aus der Mode, danach zu tra­cht­en.“ For­muliert hat dieses durch und durch kon­ser­v­a­tive Cre­do der litauis­che Kom­pon­ist, Diri­gent und Pianist Balys Dvar­i­onas. Geboren wurde er 1904 im let­tis­chen Liepâ­ja, bei­de Eltern waren Musik­er. Dvar­i­onas erhielt seine musikalis­che Aus­bil­dung zunächst in Let­t­land und Litauen, studierte ab 1920 in Leipzig Klavier bei Robert Teich­müller und Kom­po­si­tion bei Sigfrid Karg-Elert, nahm später noch Klavierun­ter­richt in Berlin bei Egon Petri und kehrte 1926 nach Litauen zurück. In sein­er Heimat wandte er sich ver­stärkt dem Dirigieren zu und leit­ete in der Folge alle bedeu­ten­den Orch­ester Litauens und der gesamten Sow­je­tu­nion. In der UdSSR genoss er hohes Anse­hen und wurde u.a. mit dem Stal­in­preis und dem Leni­nor­den aus­geze­ich­net. Als Kom­pon­ist blieb er sein­er kon­ser­v­a­tiv­en Überzeu­gung gemäß spätro­man­tis­ch­er Tra­di­tion ver­haftet, niemals ver­lässt seine Musik den tonalen Rah­men. Inspi­ra­tionsquelle ist ihm zudem die litauis­che Volksmusik, deren Ele­mente und Spuren in seinen Kom­po­si­tio­nen auf­tauchen. Er schrieb große Büh­nen­werke, Instru­mentalkonz­erte, eine Sym­phonie, Kam­mer­musik, Minia­turen. In Vil­nius ist er 1972 gestor­ben.
Die mir vor­liegen­den bei­den Bände enthal­ten ver­schiedene kurze Werke für Vio­line und Klavier aus den Jahren 1946 bis 1971. Es han­delt sich um ele­gante, wirkungsvolle, hüb­sche Stückchen vir­tu­osen oder san­glich-elegis­chen Charak­ters, gefäl­lig und unkom­pliziert, mich öfters an Kabalews­ki erin­nernd. Der geigerisch-vir­tu­ose Anspruch ist teils beträchtlich (Terz- und Oktavpas­sagen z.B. im Impromp­tu und im Alle­gro gio­coso!). Die langsamen Minia­turen, das Pez­zo ele­gia­co, die Ele­gia can­zonet­ta, Med­i­ta­tion, Ada­gio bieten dem Geiger alle Möglichkeit­en, auf seinem Instru­ment zu sin­gen und roman­tisch-schwärmerische Bel­can­to-Qual­itäten zu demon­stri­eren. Tänz­erisch-folk­loris­tisch geben sich ein Scherzi­no und die bere­its erwäh­n­ten Impromp­tu und Alle­gro gio­coso. Alles in allem also erbauliche Musik, die niemals aneckt, nie­man­dem weh tut. Wer als Geiger ein wirkungsvolles, musikalisch unkom­pliziertes Schmankerl sucht, ist hier auf der sicheren Seite. Die Frage nach musikalis­chen Dimen­sio­nen jen­seits von gefäl­liger Anmut lässt man am besten außen vor, eben­so wie diejenige, was denn nun zeit­gemäß sei und was nicht. Aber das ist ja ohne­hin ein weites Feld.
Her­wig Zack