Trompetenwerke von Vivaldi bis Dubrovay

Agitato

Tamás Pálfalvi (Trompete), Franz Liszt Chamber Orchestra

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Berlin Classics 0200682BC
erschienen in: das Orchester 02/2016 , Seite 70

Tamás Pál­falvi bläst zur Attacke. Doch wo andere junge Trompe­ten­vir­tu­osen den Hör­er mit Haydn und High-Notes, Tele­mann und Trip­pelzunge, Bach und Barock­glanz zu erobern suchen, da set­zt der 24-jährige Ungar bei sein­er CD-Pre­miere auf einen tonalen Par­forceritt zwis­chen Vivald­is Vital­ität, Kagels Kreativ­ität und Ligetis Lau­tas­sozi­a­tio­nen. Das ist über­raschend anders, das ist atem­ber­aubend neu. Und in einem Musik­markt, der gerne Viel­ge­hörtes ein­fach auf­poliert, aller Ehren wert. Vor allem, da der Schüler des Trompete blasenden Bel­can­to-Königs Gábor Boldocz­ki die zeit­genös­sis­chen Kom­po­si­tio­nen mit ein­er begeis­ternd musikan­tis­chen Spiel­laune und atem­ber­aubend sicheren Tech­nik zur vollen Ent­fal­tung bringt.
Agi­ta­to, so nen­nt Pál­falvi seine Erstling­spro­duk­tion und fügt im Book­let hinzu: „Vergnügliche und ern­ste Aufre­gun­gen für Trompete“. „Agi­ta­to“, das heißt hier bewegt und unruhig. Bei dem ungarischen Trompeter heißt es vor allem Lust am Aus­loten der tonalen Möglichkeit­en seines Inst-
ruments. Sei es das Hoquetieren, der schnelle Wech­sel zwis­chen Sin­gen und Spie­len, Schreien und In-die-Trompete-Schnaufen in Robert Erick­sons Kryl oder der von Elgar Howarth kon­ge­nial arrang­ierte rhyth­misch fes­sel­nde Dia­log zwis­chen Stimme, Klavier und Trompete in Ligetis Mys­ter­ies of the Macabre. Die Auseinan­der­set­zung mit der men­schlichen Todes­furcht in Ligetis Oper Le Grand Macabre wird hier allerd­ings fast gän­zlich von beißen­der Ironie befre­it und eher in eine bloße Par­o­die überführt.
Genau da liegt die Gefahr von Tamás Pál­falvis Agi­ta­to: Das Ras­seln und Rauschen, das Prusten und Pfeifen scheint zuweilen mehr ein­er reinen Zurschaustel­lung eines jun­gen Aus­nah­metrompeters zu dienen und weniger den Kom­po­si­tio­nen. Da stellt sich schnell die Frage: Tau­gen die sel­ten gespiel­ten Werke eines Erick­son oder Dubrovay (drittes Trompe­tenkonz­ert) eher als Fas­sade, ergänzt durch bekan­nte Pracht von Vival­di, Hän­del oder Tele­manns Sonatenkonz­ert in D‑Dur?
Aber vielle­icht muss man Pál­falvi ein­fach zugeste­hen, Freude am bravourösen Aus­flug in die jüng­ste Trompe­tengeschichte zu haben. Er eröffnet neue Klang­wel­ten, die man sich schon lange im Trompe­tenkos­mos gewün­scht hat. Das Franz Liszt Kam­merorch­ester ist hier zuver­läs­siger Begleit­er. Und ein barock­es Klein­od mit Francesco Ara­ias „Cadró ma qual si mira“ aus der Oper Berenice ist auch noch dabei. Instru­men­tal­is­ten hät­ten damals solche Stücke gerne aufge­führt, „um ihre Kun­st zu zeigen“, schreibt Elis­a­beth Richter dazu im Beglei­theft. In diesem Satz liegt die Quin­tes­senz von Agi­ta­to. Tamás Pál­falvi mixt einen anre­gen­den Cock­tail aus mehr als 300 Jahren Trompe­tengeschichte. „Agi­ta­to“, das kann auch geschüt­telt bedeuten – nicht gerührt. So ist diese CD ein biss­chen wie ein James-Bond-Film. Das Barock gibt es im flot­ten Din­ner­anzug und dazu ganz viel atem­ber­aubende mod­erne Action­szenen. Der Held an der Trompete bleibt stets unver­let­zt, die kom­pos­i­torischen Werke bieten die passende Kulisse dazu.
Christoph Ludewig