Bernard Jack Benoliel

Aedifico

Complete Works Vol. 1. Ensemble Insomnio, Ltg. Ulrich Pöhl

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Encora enc-027
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 78

Der auf sechs Teile pro­jek­tierte CD-Zyk­lus des Ensem­ble Insom­nio wid­met sich einem Vergesse­nen der jüng­sten Ver­gan­gen­heit. Bernard Jack Beno­liel (geboren 1943 in Detroit Michi­gan, gestor­ben 2017 in Ams­ter­dam) erfuhr erste Prä­gun­gen durch die Film­musik Hol­ly­woods. Er hin­ter­ließ ein schmales, aber seit seinem Studi­um der Kom­po­si­tion bei Ste­fan Wolpe trotz Unter­brechun­gen mit Stärke und Kon­se­quenz gebautes Gesamtwerk.
Einen Großteil seines Lebens ver­brachte Beno­liel in Lon­don, wo er als Beauf­tragter des R.V.W. Trust für das kün­st­lerische Ver­mächt­nis von Ralph Vaugh­an Williams und die Ver­bre­itung britis­ch­er Musik zuständig war. Er gehörte zu jenen umfassend lit­er­arisch gebilde­ten Musik­the­o­retik­ern, die Ideen und Anre­gun­gen aus dem Schaf­fen von Schopen­hauer, Niet­zsche, C.G. Jung und Thomas Mann zogen. Beno­liel forschte über Szy­manows­ki und zeigte eine große Fasz­i­na­tion für die mit­te­lal­ter­liche Kirchen­baukun­st, ohne selb­st gläu­big zu sein.
Die CD-Rei­he begin­nt mit dem 45-minüti­gen, dreisätzi­gen Invok­ing Son­ic Stone op. 12 für Mez­zoso­pran (Vir­pi Räisä­nen) und Tenor (Steven van Gils). Damit akzen­tu­iert sie schon zu Beginn die Bedeu­tung the­ol­o­gis­ch­er Ein­flüsse für Beno­liel. Der Text von Rabanus Mau­rus, im 8. Jahrhun­dert Abt von Ful­da und Bischof von Mainz, set­zt mit ein­er Kon­ju­ga­tion des Wortes „bauen“ (lat. aed­i­fi­care) ein: „Ich baue“ – „aed­i­fi­co“. Er ist ein Lobpreis auf die durch den Heili­gen Geist gesteigerte men­schliche Schaf­fen­skraft. Neben den gesan­glich und deklam­a­torisch inten­siv­en Gesangspar­tien zeich­net sich die „Beschwörung des tönen­den Steins“ durch die sel­tene Kom­bi­na­tion von Kirchenorgel und Schlag­w­erk aus.
Nach dem Nonett Boan­erges op. 11 in der ungewöhn­lichen Beset­zung für E‑Gitarre, Klavier und Bläserensem­ble sowie dem ein­sätzi­gen Stre­ichquar­tett op. 7 beschließt The Black Tow­er op. 2, eine Ver­to­nung des Gedichts von William But­ler Yeats für Mez­zoso­pran und Kam­merensem­ble, die erste Folge der Reihe.
Auf­fal­l­end ist in diesen Kom­po­si­tio­nen Beno­liels Fasz­i­na­tion für Denkmäler der Ver­gan­gen­heit. Jedes der einge­spiel­ten Werke zeigt eine bemerkenswert hohe und sub­stanzielle Verdich­tung. In Hin­blick auf die Auseinan­der­set­zung mit Kom­po­si­tio­nen vor allem der Spätro­man­tik, deren har­monis­che Errun­gen­schaften er mit hoher Eigen­ständigkeit wei­t­er­denkt – wie in der Anwen­dung serieller Struk­turen und elek­tro­n­is­ch­er Ver­stärkung –, erin­nert Beno­liel an den 18 Jahre älteren Luciano Berio.
Im weit­eren Ver­lauf der Edi­tion unter Ulrich Pöhl wird sich erweisen, welche konzep­tionellen Schw­er­punk­te der kom­pos­i­torische Nach­lass von Bernard Jack Beno­liel außer­dem enthält. Vor­erst kann man davon aus­ge­hen, dass Beno­liels Werke sich eher durch hohe Ges­pan­ntheit als Unter­beanspruchung der instru­men­tal­en und vokalen Ressourcen ausze­ich­net. Dem Ensem­ble Insom­nio ste­ht also eine inten­sive kün­st­lerische Reise bevor. Mit dieser beg­ibt es sich in ein echt­es Aben­teuer, von denen die Neue Musik des späten 20. und frühen 21. Jahrhun­derts derzeit nicht allzu viele bereithält.
Roland Dippel