Werke von Puccini, Haydn, Milhaud, Sibelius und Kaufmann

Äcker des Ruhrgebiets

Eine Symbiose aus Slam Poetry und klassischer Musik. Jason Bartsch (Sprecher), Stefan Hempel (Violine und mus. Ltg.), Ensemble Ruhr

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Kaleidos
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 74

Die Welt ist alles, was der Fall ist, und dieser Fall hat fol­gende Sachlage:/Im Ursprung eines harschen Schalles liegt Ästhetik, keine Krach­frage.“ Poet­ry Slam ist Wortkun­st, die in der Regel live auf der Bühne vor­ge­tra­gen wird und sich in ihren besten Momenten ausze­ich­net durch Sprachakro­batik, Tim­ing, Hin­ter­sinn, Komik und Tem­po. Ähn­lich wie beim Rap-Bat­tle tritt noch der Wet­tbe­werb­s­gedanke hinzu: Wer schmiedet die besten Reime und gewin­nt das Live-Duell für sich? Jason Bartsch, geboren 1994 in Solin­gen, kann auf so manchen Sieg bei lokalen Meis­ter­schaften im Poet­ry Slam zurückblicken.
In Zusam­me­nar­beit mit dem Ensem­ble Ruhr ist nun eine „Sym­biose aus Slam Poet­ry und klas­sis­ch­er Musik“ ent­standen, die die Geschichte des Ruhrge­bi­ets, den Struk­tur­wan­del und die Zukun­ft ­ein­er Indus­tri­ere­gion in den Blick nimmt. In den Äck­ern des Ruhrge­bi­ets, den Kohle­gruben und Berg­w­erken wurde 2018 die let­zte Tonne Steinkohle gefördert. Das 2012 gegrün­dete (Streicher-)Ensemble Ruhr tritt ohne Diri­gat auf und wird von den Musik­erin­nen und Musik­ern gemein­sam geleit­et. Man arbeit­et pro­jek­tweise mit Gästen zusam­men, dies­mal mit dem Geiger Ste­fan Hempel als Konzertmeister.
Ein lokal ver­wurzeltes Ensem­ble, das gemein­sam mit einem lokalen Poet­ry-Slam-Kün­stler in ein­er Gen­re­gren­zen spren­gen­den Zusam­me­nar­beit den Fokus legt auf Geschichte und Entwick­lung der eige­nen Region: beste Voraus­set­zun­gen für ein Kun­st­pro­jekt, das lokale Ver­ankerung mit kün­st­lerisch­er Höch­stleis­tung verbindet. Tat­säch­lich sind die Ein­spielun­gen von Puc­ci­nis Elegie Crisan­te­mi (in der Fas­sung für Kam­merorch­ester), Haydns Vio­linkonz­ert Nr. 4 G‑Dur (mit Ste­fan Hempel als Solis­ten), dem Stre­ichquar­tett Nr. 1 op. 5 von Dar­ius Mil­haud und dem Impromp­tu für Stre­i­chorch­ester von Jean Sibelius durch das Ensem­ble Ruhr schmelzend und makellos.
Doch ger­ade hierin liegt der Grund, weshalb das Konzept nicht vol­lkom­men aufge­ht. Denn ent­ge­gen der Aus­sage im Book­let, die aus­gewählten Kom­po­si­tio­nen zeich­neten sich „durch program­ma­tische Klang­sprache aus, die zur Geschichte des Berg­baus passt“, wird sich genau dies nicht jedem Hör­er und jed­er Hörerin erschließen. Klingt das nicht doch alles zu schön? Wo kann man die Assozi­a­tio­nen – Schmutz, Gefahr, Härte, Eisen und Stahl – wiederfind­en, die sich beim Stich­wort „Ruhrge­bi­et“ ein­stellen? Wo bleibt der Sound von Indus­trie und Arbeit? Der oben ange­sproch­ene „harsche Schall“ fehlt hier vollkommen.
Und auch die Lyrik von Jason Bartsch passt sich dieser Lin­ie an: Vieles klingt mehr nach sehn­suchtsvoller Dichter­lesung denn nach Poet­ry Slam. Einzig die Bear­beitung des Steiger­lieds für Kam­merorch­ester von Philipp Matthias Kauf­mann, die die CD beschließt, bringt ein wenig Ruhrge­bi­ets­flair zum Klin­gen. So wün­scht man den Inter­pre­ten mehr Mut zu Härte und Pro­voka­tion – und für hof­fentlich noch fol­gende Pro­jek­te: Glück auf!
Rüdi­ger Behschnitt