Clemens Kühn

Abenteuer Musik

Eine Entdeckungsreise für Neugierige

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Metzler, Kassel/ Stuttgart 2018
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 62

Buchti­tel sollen die Erwartun­gen, die sie auf­bauen, auch erfüllen. Clemens Kühns vor­liegen­der Band tut das in min­destens dreifach­er Hin­sicht. Erstens: Es geht um Musik! Zweit­ens um das Aben­teuer des Nach­denkens über Musik, drit­tens um das Aben­teuer des Schreibens und Sprechens über Musik. „Ein ungewöhn­lich­es Buch“ also, wie Kühn selb­st im Vor­wort („Brief an den Leser“) schreibt.
Wer ist Adres­sat dieser Aben­teuer? Laut Kühn auch Nicht­musik­er, und so wird „alles, was als unbekan­nt anzunehmen ist“, sofort erk­lärt, was auf eine nüt­zliche Fach­worterk­lärung à la „Eine Polon­aise ist ein pol­nis­ch­er Tanz“ hin­aus­läuft. Ander­er­seits set­zt sein Buch doch auch „spez­i­fis­che Ken­nt­nisse“ voraus. Die vie­len Noten­beispiele ver­lan­gen oft nicht nur eine Ahnung von Noten­schrift, son­dern nichts weniger als eine Klangvorstel­lung anhand eines Noten­bildes. „Anweisun­gen“ zum eige­nen Sin­gen, zum dif­feren­zierten Rhyth­musklopfen wen­den sich nicht an den unbe­darften Laien. Darüber hin­aus muss der Adres­sat dieses Buchs inter­netkundig sein, denn die zahlre­ichen Musik­beispiele soll er sich auf YouTube anhören. Da wäre es doch toll gewe­sen, wenn der Ver­lag dem Buch eine eigene Inter­net­seite spendiert hätte, zum beque­men Anklick­en der Musik­beispiele.
Clemens Kühn ist Autor viel­er unkon­ven­tioneller Lehrbüch­er zum weit­en Feld der Musik­the­o­rie. Der vor­liegende kleine Band ist ein Aben­teuer­buch für Ken­ner und Lieb­haber gle­icher­maßen, eine anspruchsvolle und anre­gende Anleitung zum Musikhören, ein span­nen­der Weg zum „Wis­sen warum“.
Die zwanzig Kapi­tel („the­ma­tis­che Sta­tio­nen“) sind „in sich geschlossene Ein­heit­en“, die man gut einzeln lesen kann. Die Sta­tion „Wer wann was kom­ponierte“ ist beispiel­sweise eine knapp gefasste Musikgeschichte. „Melo­di­en gehen ins Herz, Rhyth­mus geht in den Kör­p­er“ ver­sam­melt vielfältiges, bilder­re­ich­es ana­lytis­ches Philoso­phieren, stellt Bachs swin­gende Motorik im c-Moll-Präludi­um dem „rhyth­mis­chen Zick­za­ck“ von Straw­in­skys Danse sacrale aus dem Sacre mit sprach­lich­er Tre­ff­sicher­heit gegenüber.
Den Sta­tio­nen­ablauf auflockern­de „Zwis­chen­rufe“ wollen einen Ge­danken anstoßen und ihn weit­en hin „zu all­ge­meinen Fra­gen, die sich in Musik spiegeln“. So beschäftigt sich der Zwis­chen­ruf „Musik als Abbild“ nachvol­lziehbar (wenn man denn ein wenig notenkundig ist) mit Bachs musikalis­ch­er Rhetorik an Beispie­len aus der Matthäus­pas­sion.
In Sta­tion 11 stellt Kühn fest, es ver­stünde sich nicht von selb­st, dass man „Musik nicht nur hören kann, son­dern auch in Par­ti­turen lesen, nicht nur erleben, son­dern auch denken, nicht nur spie­len und sin­gen, son­dern auch besprechen kann“. Damit ist sein Buch für den Lieb­haber ein ide­al­er Weg hin zu ein­er Selb­stver­ständlichkeit dieses Lesens, Denkens, Sprechens und ein Weg hin zu aufgek­lärten, offe­nen Ohren. „Eine kleine Begriff­skunde“ von gründlich­er Aus­führlichkeit als Anhang ergänzt die Fach­wörter­erk­lärun­gen im Text. Ein kom­biniertes Kom­pon­is­ten- und Werkverze­ich­nis macht den Band zum prak­tik­ablen Arbeits­buch.

Gün­ter Matysi­ak