Werke von Peter Tschaikowsky und André Parfenov

Aachener Walzer

Ioana Cristina Goicea (Violine), André Parfenov (Klavier), Sinfonieorchester Aachen, Ltg. Christopher Ward

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Naxos
erschienen in: das Orchester 05/2022 , Seite 69

Hin­ter dem harm­losen Titel dieser CD ver­birgt sich weit mehr, als es den Anschein hat. Der Anlass zu den Aach­en­er Walz­ern war der Auf­trag des Diri­gen­ten Christo­pher Ward an den 1972 gebore­nen Kom­pon­is­ten André Par­fen­ov, die 16 Tak­te auszukom­ponieren, die Tschaikowsky während seines 6‑wöchigen Aachen-Aufen­thalts im Juli 1887 in sein Tage­buch notierte. Aber dies ist nur das erste Stück dieser CD, die weit­ere Werke Par­fen­ovs ver­sam­melt, u. a. sein Vio­linkonz­ert und die Orch­ester­suite Kasimir Male­witsch. Was sich in seinen Werken ereignet, besitzt eine Vielfalt, die die CD weit über den musikgeschichtlichen Kon­text hinaushebt.
Der Kom­pon­ist erweist sich in allen Stück­en als ein Meis­ter der kleinen Form. Die Kom­po­si­tio­nen begin­nen in der Regel leicht, wie auch der ein­lei­t­ende Tschaikowsky-Walz­er. Im Ver­lauf aber entwick­eln die Stücke eine enorme Dichte an Klang­far­ben­wech­seln und wuchtiger Dra­matik, an hoch span­nen­den har­monis­chen Ver­läufen und rhyth­mis­chen Pointen, die zwar vielle­icht nicht neu, aber nie abge­grif­f­en erscheinen und kom­pos­i­torisch meis­ter­haft in Szene geset­zt sind. Und Par­fen­ov ver­leugnet keineswegs die Musikgeschichte – ganz im Gegen­teil, als wür­den sich die besten Seit­en sein­er imag­inären Lehrmeis­ter ein Stelldichein geben: die Bril­lanz Schostakow­itschs, die lyrisch brachiale Ein­fach­heit Bartóks und Grooves, wie sie Piaz­zol­la nicht bess­er hätte schreiben kön­nen. Wenn im Tan­go WS der Tak­twech­sel im B‑Teil lyrisch char­mant kaschiert und zugle­ich pointiert wird oder die „Kirchen­glock­en“ in der Male­witsch-Suite zu ein­er Dra­matik sich steigern, dass die Apoka­lypse kurz bevorzuste­hen scheint, dann sind hier immer Ver­läufe kom­poniert, die hörend gut nachvol­lziehbar sind, dabei stets über­raschend und in vol­len­de­tem For­mge­fühl gehalten.
Eine Abfolge von Kom­po­si­tio­nen auch, die eine schi­er unglaubliche Viel­seit­igkeit besitzt, ohne im Ger­ing­sten in Beliebigkeit abzu­gleit­en. Vielmehr ist es so, dass den Hören­den dur­chaus Anstren­gen­des zuge­mutet wird – Par­fen­ov ist keine leichte Kost –, dieses aber stets mit ver­spiel­ter Leichtigkeit gepaart ist. Dementsprechend hat man es auf der CD mit äußerst engagierten Musiker:innen zu tun, die an Klarheit und musikalis­ch­er Sin­nge­bung kaum zu übertr­e­f­fen sind. Erst dadurch ver­wan­deln sich die motorischen Rhyth­men zu abgefed­erten Grooves, die Klangverästelun­gen in bis ins Let­zte durchgestal­tete Linien.
Par­fen­ov bedi­ent sich viel­er musikalis­ch­er Sprachen. Ihre sin­nvolle kom­pos­i­torische Verbindung ist seine große Stärke. Ein Hörvergnü­gen der beson­deren Art. Der Abschluss der CD durch Tschaikowskys Mozartiana ist insofern, neben dem musikgeschichtlichen Kon­text, gut gewählt. Das Span­nende aus heutiger Sicht ist weniger, die kleinen Perlen Mozarts einem bre­it­eren Pub­likum zugänglich zu machen, son­dern ihren Pas­tic­cio-Charak­ter mitzu­ver­fol­gen, der auch der Ästhetik Par­fen­ovs nicht fremd ist. Eine ins­ge­samt fan­tastis­che Leis­tung aller Beteiligten, die nur eine Gesamt­be­w­er­tung ver­di­ent, näm­lich die höchste.
Stef­fen A. Schmidt