Andrew Greenwald

A Thing is a Hole in a Thing it is Not

für Streichquartett, Stimmen/ Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Gravis
erschienen in: das Orchester 02/2020 , Seite 62

Der amerikanis­che Kom­pon­ist Andrew Green­wald (*1980) macht es seinen poten­ziellen Inter­pre­ten nicht ger­ade ein­fach: Der Blick in die Par­ti­tur seines 2012 ent­stande­nen Stre­ichquar­tetts offen­bart ein kom­plex­es Nota­tion­ssys­tem, das sich nicht auf Anhieb auf­schlüs­seln lässt, son­dern stattdessen zunächst ein genauestes Studi­um der Vor­gaben erfordert. Genau diese Anforderung führt ins Zen­trum von Green­walds Ideen: Was da ver­schlüs­selt ist, wird erst deut­lich, wenn man sich darauf ein­lässt, die grafisch eigen­willige hand­schriftliche Nota­tion zu ver­ste­hen.
Hil­festel­lung hier­bei bietet das lediglich in englis­ch­er Sprache vor­liegende Vor­wort, in dem die Aufteilung jedes einzel­nen Instru­men­tal­parts in zwei Sys­teme (das obere für die unter­schiedlichen Aktio­nen des Boge­n­arms, das untere für sämt­liche Aktiv­itäten der linken Hand) erläutert ist: Über weite Streck­en der Kom­po­si­tion hin­weg wer­den die Musik­er dazu ange­hal­ten, drei miteinan­der verknüpfte tech­nis­che Aspek­te – mit der linken Hand gehal­tene Dop­pel­griffe plus diesen ent­ge­genge­set­zte orna­men­tale Griff­be­we­gun­gen, mit dem recht­en Arm alternierende Bogen­tech­niken inklu­sive kom­plex­er Bewe­gungs- und Strichver­läufe – gegeneinan­der auszubal­ancieren, um dadurch eine Art „poly­pho­nen Dia­log“ zwis­chen den klan­glichen Aspek­ten der Bogen- und Fin­gertätigkeit zu erzeu­gen.
Jen­seits aller hier­für entwick­el­ten Sym­bole verzichtet Green­wald auch auf eine gewöhn­liche Dauern­no­ta­tion; stattdessen fix­iert er, gekennze­ich­net durch Angaben zwis­chen 4 und 9 Sekun­den, aufeinan­der­fol­gende Abschnitte mit bes­timmten musikalis­chen Kennze­ichen, deren Nacheinan­der sich wiederum zu einzel­nen Formteilen fügt. Die Gesamt­form des gut zwölfminüti­gen Werks wird struk­turi­ert durch die 15 möglichen Instru­mentenkom­bi­na­tion, die sich – vom Soloin­stru­ment über unter­schiedlich beset­zte Duos und Trio bis zum voll­ständi­gen Quar­tett reichend – aus der Beset­zung mit vier Stre­ich­ern ergeben.
Da sich hin­ter jed­er indi­vidu­ellen Nota­tion immer auch eine bes­timmte Art des musikalis­chen Denkens ver­birgt, soll­ten sich aufgeschlossene und mit zeit­genös­sis­ch­er Musik ver­traute Inter­pre­ten nicht scheuen, das ihnen Unbekan­nte ken­nen­zuler­nen, auch wenn es gele­gentlich viel Mühe kostet.
Den­noch bleibt die Frage, warum Green­wald den beschriebe­nen Aufwand betreibt: Die kom­plex­en Bewe­gungsver­läufe wirken nur in geringem Maße nach außen, das heißt die visuelle Seite der Auf­führung wird nicht – wie in ver­gle­ich­baren Werken ander­er Kom­pon­is­ten – auf beson­dere Weise als visuelles Ele­ment aus­gestellt, son­dern ist ein ver­gle­ich­bar unauf­fäl­liges Mit­tel zum Zweck der Pro­duk­tion dena­turi­ert­er Klänge. Dass es mit­tler­weile bere­its drei pro­fes­sionelle Auf­nah­men der Kom­po­si­tion gibt, deutet zumin­d­est auf eine Antwort hin: Es geht ganz offen­sichtlich darum, als Ensem­ble jene enorme Vir­tu­osität zu demon­stri­eren, die let­ztlich nötig ist, um den Noten­text in Klang zu ver­wan­deln.
Ste­fan Drees