Dmitri Schostakowitsch

A Light in the Dark

Sabine Weyer (Klavier), Nordwestdeutsche Philharmonie, Ltg. Erich Polz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ars Produktion ARS 38 256
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 68

A Light in the Dark ver­spricht uns der Titel dieser CD – ein Licht im Dunkel –, und was ist auf dem Cover­bild zu sehen? Ein in düsteren Grau-Schwarz-Tönen gehaltenes Porträt des gries­grämig drein­blick­enden alten Schostakow­itsch. Hätte man da nicht ein anderes Motiv find­en kön­nen – oder, anders gefragt: Warum muss in let­zter Zeit so gut wie jede CD mit einem über­greifend­en Titel ver­mark­tet wer­den?
Wie dem auch sei: Der junge öster­re­ichis­che Diri­gent Erich Polz und die Nord­west­deutsche Phil­har­monie haben für ihr Schostakow­itsch-Pro­gramm drei Werke aus­ge­sucht, die den Kom­pon­is­ten größ­ten­teils von sein­er heit­eren und unbeschw­erten Seite zeigen. Dass es sich bei der Nord­west­deutschen Phil­har­monie um einen her­vor­ra­gen­den Klangkör­p­er han­delt, ist sogle­ich in der ein­lei­t­en­den Fes­tlichen Ouvertüre zu bemerken. Sicher­lich han­delt es sich bei dem Stück um ein leicht­gewichtiges Gele­gen­heitswerk, allerd­ings eines, das dem Orch­ester alles an Vir­tu­osität und punk­t­ge­nauem Zusam­men­spiel abfordert. Und hier wird man nicht ent­täuscht: Die Phil­har­monie weiß in allen Instru­menten­grup­pen vol­lends zu überzeu­gen. Dass es übri­gens nicht zulet­zt die Holzbläs­er sind, die punk­ten kön­nen, zeigt sich später im wun­der­schön intonierten Fagott-Solo im vierten Satz der neun­ten Sin­fonie.
Auch das zweite Klavierkonz­ert zählt zu Schostakow­itschs gut­ge­laun­ten Kom­po­si­tio­nen, und es ist die Stärke von Diri­gent und Orch­ester, aber nicht zulet­zt auch der Pianistin Sabine Wey­er, dass sie nicht ver­suchen, mehr in das Stück hineinzuge­heimnis­sen, als es bietet. Wey­er wählt einen eben­so bril­lanten wie feinsin­ni­gen Ansatz, um die Stärken der Par­ti­tur zum Klin­gen zu brin­gen. Das bet­rifft vor allem den zen­tralen langsamen Satz, der – wohl ein­ma­lig bei Schostakow­itsch – die Gefahr birgt, in süßlichen Kitsch abzu­gleit­en. Nicht so hier. Unter den Hän­den von Wey­er und Polz erklingt die Musik in mustergültiger Dezenz und Aus­ge­wogen­heit – als lyrisches, gesan­glich­es Inter­mez­zo, ein Weniger, das zum Mehr gead­elt wird. Man kön­nte in dieser Inter­pre­ta­tion dur­chaus den Höhep­unkt der CD erblick­en.
Ein wenig anders sieht es mit der Leichtigkeit im Fall der neun­ten Sin­fonie aus. Hier sind zwei Herange­hensweisen legit­im: Entwed­er man sieht in dem Stück eine sarkastis­che „Pseudokomödie“ (wie Schostakow­itsch selb­st dies tat) oder man inter­pretiert es als neok­las­sisch fröh­liche Sin­fonie im Geiste Haydns. Erich Polz hat sich ohren­schein­lich für die zweite Vari­ante entsch­ieden – aber nicht durchge­hend, und gele­gentlich ste­hen die bei­den Ebe­nen ein wenig unver­mit­telt nebeneinan­der. Die marschar­tige Wiederkehr des Final-Kopfthe­mas kurz vor Schluss etwa wei­den die Inter­pre­ten genüsslich und ger­adezu karikat­u­rar­tig aus – eine Entschei­dung, die legit­im ist, doch wird sie hier durch den eher leicht­füßig gestal­teten Satzbe­ginn nicht wirk­lich gedeckt. Doch der Ein­wand ist ver­gle­ich­sweise ger­ing: Die Dop­pel­bödigkeit dieser Sin­fonie hat nach Kir­ill Kon­draschin ohne­hin kaum jemand wirk­lich überzeu­gend real­isiert.
Thomas Schulz