Klaviertrios von Peter Tschaikowsky, Sergei rachmaninow und Alexander Goldenweiser

À la mémoire d’un grand artiste

Michael Schäfer (Klavier), Ilona Then-Bergh (Violine), Wen-Sinn Yang (Violoncello)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 16437
erschienen in: das Orchester 01/2017 , Seite 70

Die Orig­i­nal­ität und Ent­deck­er­freude des kleinen, aber engagierten Labels Gen­uin über­rascht immer wieder. Jet­zt liegt in dessen mit­tler­weile mehrfach preis­gekrön­ter Rei­he „Uner­hört“ eine „Dedika­tions­kette“ vor, die einige Über­raschun­gen enthält. À la mémoire d’un grand artiste ist diese Dop­pel-CD betitelt. Aber wer ist der „große Kün­stler“, dem die Zueig­nung gilt?
Nun, als Begrün­der dieser Wid­mungs-Genealo­gie zeich­net Peter Tschaikowsky ver­ant­wortlich, der mit seinem lei­den­schaftlichen Klavier­trio op. 50 den ver­stor­be­nen Lehrer und Fre­und Niko­laj Rubin­stein († 1881) ehrt. Als Tschaikows­ky stirbt († 1893), ist es Rach­mani­now, der ihm den Gedenkstein in Gestalt eines Klavier­trios set­zt. Rach­mani­now wiederum wird nach seinem Tod († 1943) auf dieselbe Weise von seinem Fre­und Alexan­der Gold­en­weis­er geehrt, der anson­sten eher als Pianist denn als Kom­pon­ist Ruhm erlangte. Ob es in dieser Tra­di­tion auch schon ein Gold­en­weis­er († 1961) gewid­metes Opus gibt, ist nicht über­liefert.
For­mal sind alle drei Werke nach dem gle­ichen Muster aufge­baut: Einem mon­u­men­tal­en Kopf­satz, der in allen Fällen mod­er­a­to über­schrieben ist, fol­gt eine Anzahl mehr oder weniger kurz­er, in einem Satz gebün­del­ter Vari­a­tio­nen. Alle drei Trios sind, ihrem Anlass entsprechend, in ein­er elegis­chen Grund­stim­mung gehal­ten, wobei das umfan­gre­iche Tschaikowsky-Werk den großen Sin­foniker nicht ver­leug­nen kann. Eine Beson­der­heit sticht bei Rach­mani­nows Trio élé­giaque her­aus: In der (sel­ten so aufge­führten) Erst­fas­sung des zweit­en Satzes aus dem Jahr 1894 ver­wen­det er anstelle des Klaviers ein Har­mo­ni­um (Solist hier: Kang-Un Kim), was die bedrück­te Grund­stim­mung nur unter­stre­icht. In der über­ar­beit­eten Ver­sion von 1907 hat das Klavier dessen Platz ein­genom­men, obwohl uns heute die Har­mo­ni­um-Ver­sion um ein Vielfach­es ergreifend­er erscheint.
Bemerkenswert ist, dass die drei Werke – in dieser chro­nol­o­gis­chen Rei­hung – in a-Moll, d-Moll und e-Moll gehal­ten sind. Was in der mit­teleu­ropäis­chen Tonarten­no­ta-
tion passender­weise „ade“ ergibt. Ein Zufall? Oder hat sich Gold­en­weis­er als Ergänz­er des drit­ten Buch­stabens dabei etwas gedacht? Dessen Klavier­trio ist ungeachtet seines Entste­hungs­jahrs 1950, wo man eher eine Musik­sprache à la Brit­ten oder Hin­demith erwarten würde, uneingeschränkt der rus­sis­chen, spätro­man­tis­chen Har­monik verpflichtet.
Das als solch­es namen­lose Trio aus Michael Schäfer, Ilona Then-Bergh und Wen-Sinn Yang set­zt ins­beson­dere bei dem aus­laden­den Tschaikowsky-Werk Maßstäbe, die die Ein­stu­fung als wichtige Ref­eren­za­uf­nahme mehr als recht­fer­ti­gen. Aber auch die anderen Stücke wer­den makel­los und mit Lei­den­schaft und Hingabe musiziert.
Friede­mann Kluge