Ludwig van Beethoven

9 Sinfonien

New Philharmonia Orchestra London, Ltg. Otto Klemperer

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BBC
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 71

Ohne Zweifel gehört Otto Klem­per­er zu den Gigan­ten am Diri­gen­ten­pult, hat er doch Inter­pre­ta­tion und Rezep­tion der mit­teleu­ropäis­chen klas­sis­chen und roman­tis­chen Sin­fonik, und hier beson­ders der Werke von Beethoven, Brahms und Mahler, vom Beginn des 20. Jahrhun­derts bis hin zu seinem Tod 1973 mehr als 60 Jahre lang maßge­blich mit­geprägt.
Zu Beginn sein­er Lauf­bahn galt der in Bres­lau geborene und 1933 als Jude aus Deutsch­land ver­triebene Klem­per­er als radikaler Erneuer­er und kom­pro­miss­los­er Ver­fechter ein­er neuen Sach­lichkeit, zudem als uner­müdlich­er Förder­er und Inter­pret der Neuen Musik. Als Chef war er gefürchtet. Nie­mand war vor seinen Wutaus­brüchen und wech­sel­nden Launen, geschuldet auch sein­er bere­its 1911 diagnos­tizierten man­isch-depres­siv­en Erkrankung, sich­er. Von 1952 bis zu seinem Tod arbeit­ete Klem­per­er vor allem in Lon­don mit dem New Phil­har­mo­nia Orches­tra, einem Ensem­ble, von dem er sich ganz ver­standen fühlte und das seine musikalis­chen Inten­tio­nen so genau in Klang umzuset­zen ver­mochte wie kein anderes.
Immer wieder hat sich Klem­per­er ger­ade mit Beethoven auseinan­derge­set­zt. Seinen let­zten sym­phonis­chen Konz­ert-Zyk­lus von 1970 haben wir jet­zt auf drei DVDs in neuestem UHD-Blu-ray-For­mat vor­liegen, samt eines höchst infor­ma­tiv­en Beibuchs. Die Tech­niker haben ganze Arbeit geleis­tet. Die im Ver­gle­ich zu den bish­eri­gen Ver­sio­nen vier­fach höhere Bil­dau­flö­sung gewährleis­tet unge­wohnte Schärfe. Verblüf­fend verbessert ist die Klangqual­ität, die streck­en­weise fast vergessen lässt, dass es sich im Orig­i­nal um eine 50 Jahre alte Mono-Auf­nahme han­delt.
Ein Kern­punkt von Klem­per­ers Inter­pre­ta­tion­sphiloso­phie war stets die Sta­bil­ität des Tem­pos. Abhold jeglich­er sen­ti­men­taler „Drück­er“, ele­gan­ter Glät­tung und Poli­tur sind seine Darstel­lun­gen getra­gen vom Bestreben, den Kom­pon­is­ten – allein ihn! – sprechen zu lassen. Wesentlich ist nur die „Wahrhaftigkeit“ der musikalis­chen Aus­sage. Am Pult sit­zend leit­et Klem­per­er sein Orch­ester mit sparsamer Gestik, scheint den Musik­ern zuallererst mit größt­möglich­er Aufmerk­samkeit zuzuhören, um bei Bedarf sorgsam dosierte Impulse zu set­zen, eher eine Art nüchtern­er „Klangver­wal­ter“ als glam­ourös­er Pultza­uber­er. Man lasse sich aber nicht täuschen. Klem­per­er ist mit den Blick­en bei seinen Musik­ern, scheint jeden einzel­nen Spiel­er im Bann zu haben.
Die Inter­pre­ta­tion ist in der Wahl aus­ge­sprochen gemäßigter Tem­pi typ­isch für seinen Spät­stil. Sich­er, manchen Satz kön­nte man sich auch vir­tu­os­er, jugendlich-flot­ter vorstellen. Trotz­dem hat man in keinem Moment den Ein­druck fehlen­der Span­nung. Klem­per­er besitzt ein untrüglich­es Gespür für musikalis­che Pro­por­tio­nen, die dem Orch­ester abver­langte Rhyth­mik ist kom­pro­miss­los. Ins­ge­samt lässt Klem­per­er seine Musik­er bei aller Kantigkeit sehr klangschön und expres­siv auf­spie­len. Ja, natür­lich ist hier live nicht immer alles Apotheken-per­fekt, mag der orches­trale Stan­dard heutzu­tage ins­ge­samt (vielle­icht) spiel­tech­nisch noch höher sein. Sei’s drum! Ein Klang­doku­ment höch­sten Ranges!
Her­wig Zack