Skrjabin, Alexander

5 Préludes op. 74

für Streichquartett, bearb. von Xaver Paul Thoma, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: H. H.-Musikverlag, Helmstadt 2015
erschienen in: das Orchester 09/2015 , Seite 74

Xaver Paul Thomas Pro­duk­tiv­ität ver­set­zt immer wieder in Erstaunen. Das Werkverze­ich­nis des 62-jähri­gen Baden­ers weist bis heute an die 180 Kom­po­si­tio­nen aller Gat­tun­gen aus, abend­fül­lende Opern und Bal­lette, Werke für großes Orch­ester, Kam­mer­musik,  Instru­mentalkonz­erte, Liederzyklen, Chor­w­erke und manch­es mehr. Viele sein­er Kom­po­si­tio­nen sind Auf­tragswerke, die er für renom­mierte Orch­ester und Insti­tu­tio­nen schrieb, etwa für das Gürzenich-Orch­ester Köln, die Orch­ester der Staat­sthe­ater in Stuttgart, Karl­sruhe und Han­nover und für das SWR Sin­fonieorch­ester Baden-Baden und Freiburg. Daneben ist er seit vie­len Jahren auch noch als Bratsch­er im Staat­sor­ch­ester Stuttgart tätig – die Arbeits­be­las­tung ein­er Orch­ester­stelle würde den meis­ten bere­its völ­lig aus­re­ichen.
Immer wieder hat Thoma sich auch des Gen­res der Tran­skrip­tion gewid­met und dabei auf Orig­i­nalkom­po­si­tio­nen etwa von Wolf, Rav­el, Wag­n­er (Album­blatt geset­zt für 4 Bratschen!), Bar­ber und Schu­mann zurück­ge­grif­f­en. Vor einiger Zeit stellte ich seine gelun­gene Bear­beitung der Romanze op. 11 von Antonín Dvorák für Vio­line und Stre­i­chorch­ester vor (siehe das Orch­ester 11/2010, S. 70).
Im vor­liegen­den Fall ist er noch einen Schritt weit­erge­gan­gen und hat für das Minguet Quar­tett die 5 Préludes op. 74 von Alexan­der Skr­jabin für Stre­ichquar­tett bear­beit­et. Die atonalen Minia­turen aus der Spätzeit des Kom­pon­is­ten – geschrieben 1914, ein Jahr vor seinem Tod – gehören zu den fort­geschrit­ten­sten, „mod­ern­sten“ Schöp­fun­gen ihrer Zeit. Sie sind in ihrer Mis­chung aus bek­lem­mend düster-sinnlichem Klangmys­tizis­mus und fiebrig-über­hitzter Ektase typ­isch für Skr­jabins Ton­sprache. Thoma hat ver­sucht, die Skrjabin’sche Klang­welt ohne beson­dere Zuhil­fe­nahme spezieller Spiel­tech­niken – ab und an ein­mal gibt es ein Bartók-Pizzi­ca­to oder eine Pon­ti­cel­lo-Pas­sage – auf die vier Stre­ich­er zu über­tra­gen. Natür­lich bietet das Stre­ichquar­tett eine andere Klang­palette als das Klaviero­rig­i­nal, und die inten­siv ver­führerische, qua­si  expres­sion­is­tis­che Sinnlichkeit dieser Musik ist far­blich gut einge­fan­gen.
Trotz­dem erscheint mir diese Tran­skrip­tion alles in allem prob­lema­tis­ch­er als sein­erzeit Thomas Ver­sion der Romanze von Dvorák. Es hängt ein­fach mit der Natur von Skr­jabins Klangid­iom zusam­men. Diese Stücke sind klan­glich der­art eng mit dem Klavierk­lang ver­woben, dass sie auf anderen Instru­menten kaum adäquat darstell­bar erscheinen. Die glöckchen­hafte, küh­lere, dabei schwebende bis gele­gentlich perkus­sive Natur des Klavier­tons an sich, die Möglichkeit­en der Ped­al­isierung, der Klangum­fang eines mod­er­nen Flügels, all das scheint hier wesentlich­er Bestandteil der kom­pos­i­torischen Sub­stanz, ja Quell von Skr­jabins Inspi­ra­tion. Wohl keine Bear­beitung wird das gle­icher­maßen stim­mig darstellen kön­nen. Trotz­dem bleibt Thomas Tran­skrip­tion eine ein­fall­sre­ich und mit viel Klangsinn für die stre­icherischen Möglichkeit­en konzip­ierte Fas­sung, auch wenn sie nicht an das Orig­i­nal her­an­re­ichen kann.
Her­wig Zack