Heinz Holliger

4 Hommages

für Violine solo

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz
erschienen in: das Orchester 07-08/2018 , Seite 59

Nein, vorstellen braucht man ihn wirk­lich nicht. Der Schweiz­er Heinz Hol­liger zählt seit mehr als einem hal­ben Jahrhun­dert als Oboist, Lehrer, Diri­gent und natür­lich als Kom­pon­ist zu den „ganz Großen“. Hol­liger ist sich immer treu geblieben.
Auch mit fast 80 Jahren zeich­net ihn der gle­iche kom­pro­miss­lose Drang nach Entwick­lung, nach Grenz­erfahrung, ja – über­schre­itung aus. Rou­tine, Man­i­fes­ta­tion der eige­nen Meis­ter­schaft auf bewährtem und erfol­gre­ichem Niveau sind ihm ein Gräuel. „Ich habe eine starke Allergie gegen die Rou­tine. Ich möchte mich nie auf dem aus­ruhen, was ich schon kann“, so der berühmte Schweiz­er in einem Inter­view mit der Neuen Zürcher Zeitung. Und weit­er: „Für Wieder­hol­un­gen ist das Leben zu kurz. Ich muss immer so weit gehen, wie es mir möglich ist. Ich kann kün­st­lerisch nur an meinen Gren­zen existieren – und will diese Gren­zen ständig rauss­chieben.“ Im Gespräch mit der Zeitschrift Con­cer­ti ergänzt Hol­liger: „ Für mich find­et Kun­st über­haupt nur an den Gren­zen statt. In der Mitte gibt es eigentlich nichts, was die Kun­st inter­essieren kön­nte.“
Kern­punkt bleibt die sinnliche Erfahrbarkeit von Musik. Dementsprechend groß ist der Stel­len­wert des Fak­tors Klang in all seinen Kom­bi­na­tio­nen, Farb­schat­tierun­gen und Meta­mor­pho­sen. „Musik ist sehr sinnlich. Sie kann gar nicht unsinnlich sein. Musik ist etwas Kör­per­lich­es. Sie wirkt psy­choakustisch.“ Nicht primär intellek­tuell oder gar schrill pro­voka­tiv möchte Hol­liger den Zuhör­er erre­ichen, son­dern emo­tionell: „Man muss neue Musik nicht ver­ste­hen, man muss sie fühlen.“
Aus der Fed­er des Meis­ters sind jet­zt 4 Hom­mages für Vio­line solo erschienen, „kleine Geschenke für vier Geiger, die mir men­schlich und musikalisch sehr nahe ste­hen“.
Sou­venir de New­cas­tle für Thomas Zehet­mair nimmt augen­zwinkernd Bezug auf eine Auf­führung von Schu­berts 6. Sym­phonie. Ri-Trat­to, geschrieben zum 85. Geburt­stag von Han­sheinz Schnee­berg­er, „ist, in äußerst kom­prim­iert­er Form, qua­si in einem Zeitraf­fer, ein Präludi­um, gefol­gt von ein­er Fuge“, so der Schweiz­er Geiger Schnee­berg­er. Drei kleine Szenen (Ciacconina/ Geisterklopfen/Musette funèbre) sind Ref­erenz an Isabelle Faust; Das kleine Irgend­was entspringt ein­er Kindergeschichte aus der Fed­er der achtjähri­gen Tochter von Patri­cia Kopatchin­ska­ja, „ein fast sur­re­al­is­tis­ch­er Hoch­seilakt für sin­gende, rez­i­tierende (und tanzende) Vio­line“, so Hol­liger.
Die Minia­turen zeigen den Meis­ter at his best: voller lebendi­ger, oft skur­ril­er Ein­fälle, sinnlich in der Klang­sprache, meis­ter­haft in der Hand­habung kom­pos­i­torisch­er Mit­tel sowieso, halt typ­isch Hol­liger. Ein­fach sind die Minia­turen
allerd­ings nicht. Man sollte gut bewan­dert sein, was „neue“ Spiel­tech­niken, Nota­tion über mehrere Sys­teme, Mikrotöne, rhyth­misch-metrische Rela­tio­nen usw. ange­ht. Auch dürfte gle­ichzeit­iges Spie­len, Sin­gen und Rez­i­tieren nicht unbe­d­ingt jed­er­manns Sache sein.
Her­wig Zack