Andreas Eichhorn

365 Tage mit Kurt Weill

Ein Almanach

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Olms
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 63

Es gibt – außer sein­er Musik – wenig in Deutsch­land, was an Kurt Weill erin­nert. Seit 2019 existiert im Meis­ter­haus Moholy-Nagy in Dessau-Roßlau immer­hin die Ausstel­lung „Kurt Weill – ein Welt­bürg­er und Dessauer“. Zusam­mengestellt hat sie Andreas Eich­horn, Pro­fes­sor für Musik­wis­senschaft in Köln und Mit­glied im wis­senschaftlichen Beirat der Kurt-Weill-Gesellschaft.
Eich­horns nun vor­liegen­der Almanach 365 Tage mit Kurt Weill ist ein lit­er­arisches Pen­dant zu dieser Ausstel­lung. Er enthält eine oder mehrere Ein­tra­gun­gen für jeden Tag des Jahres: Biografis­che Fak­ten, Quellen von Weill oder über Weill oder über ihm nah­este­hende Per­so­n­en – vor allem seine Frau Lotte Lenya –, sowie über kün­st­lerische und his­torische Ereignisse mit Bezug zu ihm.
Die Verbindungslin­ien reichen weit – von der Geburt des ein­flussre­ichen Musikkri­tik­ers Oskar Bie 1864 bis zum Dessauer Kurt-Weill-Fest in dig­i­taler Form 2021 – , aber im Mit­telpunkt ste­ht Weills Lebenss­panne von 1900 bis 1950. Es ergibt sich eine Art Biografie-Puz­zle, das pri­vate, fach­liche und öffentliche Facetten zeigt und dabei zwis­chen den ver­schiede­nen Lebenssta­tio­nen hin und her springt (Dessau, Berlin, Paris, New York bzw. New City, zeitweise Hol­ly­wood). Im Anhang find­et man ein nach Jahren geord­netes Verze­ich­nis der Texte und einen Quel­len­nach­weis. Ein Namen­sreg­is­ter fehlt aber leider.
Von der Anlage her zielt das Buch eher auf das bre­ite Pub­likum, doch es enthält auch Texte, die Ken­ner aufhorchen lassen. Und ger­ade die kalei­doskopar­tige Struk­tur macht spür­bar, „welche Ver­w­er­fun­gen, Span­nun­gen und Risse das Leben eines in Deutsch­land gebore­nen, aufgewach­se­nen und musikalisch sozial­isierten Kom­pon­is­ten jüdis­ch­er Herkun­ft prägten, das eine Zeitspanne umfasst, die von zwei Weltkriegen, dem Holo­caust und dem Abwurf der ersten Atom­bombe 1945 geze­ich­net ist“, so der Her­aus­ge­ber, der tre­f­fend fort­fährt: „Und welche physis­che und psy­chis­che Energie aufzuwen­den war, diese Serie von biografis­chen Brüchen und Neuan­fän­gen zu syn­thetisieren – auch in kün­st­lerisch­er Hinsicht.“
Eich­horn charak­ter­isiert Weill als „Worka­holic“; die eigene Pro­duk­tiv­ität dürfte ihm aber auch weit­erge­holfen haben. Unter den Illus­tra­tio­nen find­et sich die US-amerikanis­che Ein­bürgerung­surkunde von 1943. Weill schien damals mit sein­er deutschen Ver­gan­gen­heit abgeschlossen zu haben. Aber am 31. Jan­u­ar 1949 schick­te er an den befre­un­de­ten Autor Alan J. Lern­er die Idee zu einem „mod­er­nen roman­tis­chen Stück“, in dem ein in Deutsch­land sta­tion­iert­er US-Sol­dat am Rhein aus­gerech­net die Lore­ley trifft und sich in sie ver­liebt. Aus dem Pro­jekt wurde nichts; es wäre wohl auch Weills Musi­cal One Touch of Venus zu ähn­lich gewor­den. Doch die Verbindung zu Hein­rich Heine und der deutsch-jüdis­chen Geschichte war offen­sichtlich noch da. Dass es Weill nicht mehr vergön­nt war, seine deutsche und seine amerikanis­che Hälfte wieder zu verbinden, wirkt in der Rezep­tion bis heute nach.
Andreas Hauff