Giuseppe Clemente Dall’Abaco

35 Sonaten für Violoncello und Basso continuo

Band III: 8 Sonaten (ABV 24-31), Urtext

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Walhall
erschienen in: das Orchester 1/2022 , Seite 69

Eli­nor Frey, kanadis­che Cel­listin und Exper­tin für Musik des 17. und 18. Jahrhun­derts, hat sich ein­er musikalis­chen Mam­mu­tauf­gabe gewid­met: In ins­ge­samt fünf Bän­den erscheint ihre Urtex­taus­gabe der 35 Sonat­en für Vio­lon­cel­lo und Bas­so con­tin­uo von Giuseppe Clemente Dall’Abaco (1710–1805). Die Veröf­fentlichung ist zu begrüßen, da der Cel­list und Kom­pon­ist mit ital­ienis­chen Wurzeln, abge­se­hen von seinen elf Capric­ci für Vio­lon­cel­lo solo, bish­er nur wenig Aufmerk­samkeit auf sich ziehen konnte.
Dall’Abacos Sonat­en sind undatiert, aber ver­mut­lich in der Zeitspanne zwis­chen 1730 und 1760 ent­standen, in der er europaweit als Cel­list konz­ertierte. Die Werke zeu­gen von ein­er stilis­tis­chen Band­bre­ite und kom­pos­i­torischen Entwick­lung, die sich von barock­en Ele­menten hin zum galanten Stil – gekennze­ich­net durch melodiöse Lin­ien, har­monis­che Ein­fach­heit und abrupte Affek­twech­sel – erstreckt. Zudem spiegeln sich Dall’Abacos eigene cel­lis­tis­che Fähigkeit­en durch den gekon­nten und vari­anten­re­ichen Ein­satz von Spiel­tech­nik und Klang­far­ben des Instru­ments in seinen Kom­po­si­tio­nen wider.
Der hier vor­liegende dritte Band ver­sam­melt die Sonat­en ABV 24–31 (Aba­co-Werkvere­ich­nis). Der „Gesang des Vio­lon­cel­los“ zieht sich dabei wie ein rot­er Faden durch die Kom­po­si­tio­nen. Welch hohen Stel­len­wert Dall’Abaco ein­er aus­drucksvollen Gestal­tung beimisst, zeigt sich beispiel­sweise darin, dass alleine fünf der acht Sonat­en mit einem Cantabile-Satz eröffnet wer­den. Des Weit­eren charak­ter­isieren Dop­pel­griffe und bril­lante Sechzehn­telfig­u­ra­tio­nen, die bis in die hohen Lagen geführt wer­den, wellen­för­mige Arpeg­gien, Vorhalte, Bor­dun-Abschnitte mit leeren Sait­en oder im Dau­me­nauf­satz sowie lebendi­ge oft­mals synkopierte The­men die musikalis­che Hand­schrift Dall’Abacos (vgl. Vor­wort). Beson­ders zu erwäh­nen ist die Sonate ABV 30 in A‑Dur, die durch ihren Umfang von fünf Sätzen aus den anson­sten dreisätzi­gen Werken her­aussticht. Auch die Sonate ABV 26 in B‑Dur hebt sich durch ihre ver­gle­ich­sweise tiefe Lage und Nota­tion vor­wiegend im Basss­chlüs­sel von den übri­gen Sonat­en ab.
Die Her­aus­ge­berin fol­gt mit ihrer Aus­gabe der Cel­losonat­en von Dall’Abaco ein­er Abschrift aus der British Library. Die Edi­tion enthält zwei Par­ti­turen, von denen eine zusät­zlich mit Gen­er­al­bassz­if­fern ergänzt wurde. Der Man­gel an Auf­führung­sh­in­weisen sowie der Verzicht auf eine Beze­ich­nung der Cel­lostimme (abge­se­hen von vere­inzel­ten Dau­me­nauf­satzze­ichen), auf dynamis­che Angaben sowie auf eine Aus­set­zung der Bas­so-Stimme für ein Tas­tenin­stru­ment lassen darauf schließen, dass die Sonat­en vor­rangig für den pro­fes­sionellen Gebrauch konzip­iert waren.
Eine Ver­wen­dung im Cel­loun­ter­richt für fort­geschrit­tene Schüler ist eben­so denkbar: Mit 35 Sonat­en in unter­schiedlichen Schwierigkeits­graden lässt sich hier – didak­tisch auf­bere­it­et – musikalisch aus dem Vollen schöpfen.
Anna Catha­ri­na Nimczik