Henry Schradieck

25 Studien

für Violine op. 1, hg. von Benjamin Bergmann

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 65

Hen­ry Schradieck war ein­er der großen Vio­lin­lehrer der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts und set­zt die geigen­päd­a­gogis­che Lin­ie von Hubert Leonard über Fer­di­nand David in das 20. Jahrhun­dert fort. Der gebür­tige Ham­burg­er vere­inte die Tra­di­tion der fran­co-bel­gis­chen Schule mit der der deutschen Vio­lin­is­ten in Nach­folge Louis Spohrs. Von den weni­gen vio­lin­päd­a­gogis­chen Mate­ri­alien, die er hin­ter­lassen hat, wer­den nach wie vor die Ton­leit­er­stu­di­en und die Schule der Vio­lin­tech­nik ver­wen­det sowie die vor­liegen­den 25 Stu­di­en. Hin­ter diesem unschein­baren Titel ver­ber­gen sich jedoch eigentlich wahrhafte Capri­cen, die zwar vio­lin­tech­nis­che The­men bear­beit­en, aber dur­chaus musikalisch anspruchsvolle – wenn auch für Konz­er­tauf­führun­gen begren­zt geeignete – Charak­ter­stücke sind. Ihr vio­lin­tech­nis­ch­er Anspruch ist aus­ge­sprochen hoch.
Sys­tem­a­tisch wer­den die Dur- und Moll­tonarten des Quin­ten­zirkels bear­beit­et. Der Her­aus­ge­ber hat in der Neuaus­gabe den Ver­such unter­nom­men, vio­lin­tech­nis­che Inhalte der jew­eili­gen Studie zu beschreiben und mit kurzen tech­nis­chen Anleitun­gen und dem Ver­weis auf Vorübun­gen aus dem Unter­richtswerk Sys­tem­a­tis­che Vio­lin­tech­nik – Die Bausteine des Vio­lin­spiels von Hel­mut Zehet­mair und Ben­jamin Bergmann dem jew­eili­gen Stück voranzustellen. Gle­ichzeit­ig hat er eigene Fin­ger­satzvorschläge einge­fügt, die von denen Schradiecks abwe­ichen. Die Fin­ger­sätze des Her­aus­ge­bers tra­gen der mod­er­nen Vio­lin­tech­nik mit anderen klan­glichen Anforderun­gen und dem heutigem Stilempfind­en Rech­nung und berück­sichti­gen dabei verän­derte mod­erne Lagen­wech­sel­tech­niken. Gle­ichzeit­ig gibt der Fin­ger­satzver­gle­ich auch einen Ein­blick in die Verän­derung der Lagen­wech­sel- und Spiel­tech­nik seit dem Beginn des 20. Jahrhun­derts.
Vio­lin­di­dak­tisch bear­beit­en die Stu­di­en alle The­men des vir­tu­osen Vio­lin­spiels von den Facetten des Dop­pel­griff­spiels über Geläu­figkeit und Sait­en­wech­sel bis hin zu bogen­technischen Spezial­prob­le­men wie Ric­o­chet, Stac­ca­to im Auf- und Abstrich und anderem. Die Frage, ob der for­male Ansatz, ein­mal den Quin­ten­zirkel zu bear­beit­en, dabei einen spiel­tech­nis­chen Gewinn gener­iert, hat man sich zur dama­li­gen Zeit sich­er nicht gestellt.
Die Texte der Aus­gabe sind in deutsch­er und englis­ch­er Sprache abge­druckt. Das Noten­bild der Aus­gabe ist über­sichtlich und gut les­bar und unter­schei­det sich dabei wohltuend von den „Blei­wüsten“ älter­er Stu­di­en­ma­te­ri­alien dieser Zeit. Auch wenn aus wen­de­tech­nis­chen Grün­den gele­gentlich eine Seite nicht bedruckt wird, beispiel­sweise um so zwei kürzere Stu­di­en ohne zu blät­tern spiel­bar zu machen, sind doch die meis­ten Stücke auf Grund ihrer Länge und geschuldet dem leicht erfass­baren Noten­bild nur mit Umblät­ter­er, auswendig oder halt stu­di­en­hal­ber spiel­bar.
Die vor­liegende Neuaus­gabe bietet somit inter­es­santes Stu­di­en­ma­te­r­i­al in Ergänzung und als Alter­na­tive zu den ger­ade für das Vio­lin­studi­um in unüber­schaubar­er Menge vorhan­de­nen Stu­di­en­werken.
Uwe Gäb