Jakob Dont

24 Vorübungen/ Études et Caprices

24 Vorübungen zu den Etüden von Kreutzer und Rode für Violine solo op. 37/ Études et Caprices für Violine solo op. 35, beides hg. von Dominik Rahmer

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 65

Der Wiener Vio­lin­päd­a­goge Jakob Dont (1815–1888), der auf eine mögliche Kar­riere als Solist ver- zichtete, um sich ganz dem Unter­richt­en zu wid­men, zählt nach den Erin­nerun­gen von Hans Flesch zu den­jeni­gen, die den von Joseph Joachim bewirk­ten „epochemachen­den Wan­del des Vir­tu­osen­tums in ethis­ch­er und musikalis­ch­er Hin­sicht“ mit der maßge­blichen „Förderun­gen des rein Geigen­tech­nis­chen“ ein­geleit­et und bewirkt haben. Donts Unter­richtswerke, darunter ganz beson- ders op. 35 (1840) und op. 37 (1852), emp­fahlen sein­erzeit etwa Joachim, Wieni­aws­ki oder Sarasate. Noch heute gehören sie zu den vielfach bewährten Stu­di­en­werken für fort­geschrittenes Geigen­spiel. Entsprechend häu­fig wur­den sie nachge­druckt oder neu her­aus­gegeben – zumeist jedoch mit Verän­derun­gen, die eben nicht nur Dont vor­nahm.
Die Über­liefer­ung dieser bei­den Samm­lun­gen hat dankenswert­er­weise Dominik Rah­mer rekon­stru­iert, und er legt ger­adezu mustergültig mit diesen bei­den Heften jew­eils die Fas­sun­gen „let­zter Hand“ vor, die Dont ihnen gab und die Rah­mer mit seinen beige­fügten dreis­prachi­gen (deutsch, englisch, franzö­sisch) Ein­leitun­gen und den Kri­tis­chen Bericht­en (deutsch und englisch) erfreulich konzis und doch umfassend-gründlich begrün­det.
Zudem fügt Paul Roczek spiel­tech­nis­che Hin­weise (Fin­ger­sätze, Bogen­striche, all­ge­meine Hin­weise zum Üben) zur Aus­gabe von op. 37 hinzu, während Antje Wei­thaas solche zu op. 35 beis­teuert – selb­stver­ständlich gekennze­ich­net als Zutat­en nicht aus Donts Hand. In diesen Zusätzen spiegelt sich auch der spiel­tech­nis­che Fortschritt seit Dont wider. Der vorzüglich gedruck­te Noten­text ist mit auszuk­lap­pen­den Seit­en so ein­gerichtet, dass während des Spie­lens nicht umge­blät­tert wer­den muss.
“Die Vorübun­gen” führen keineswegs, wie der Werk­ti­tel ver­muten lässt, musikalisch in die berühmten Kreutzer- bzw. Rode-Stu­di­en­werke ein oder para­phrasieren sie. Vielmehr greifen sie analoge spiel­tech­nis­che Prob­leme auf und gestal­ten sie etwas sys­tem­a­tis­ch­er aus. Ähn­lich­es gilt auch für die “Études et Caprices”, die über das spiel­tech­nis­che Niveau Kreutzers und Rodes freilich hin­aus­ge­hen und es kon­se­quenter und gründlich­er aus­bauen und dur­chaus auch dif­feren­ziert­ere Bogen­führun­gen oder Fin­ger­sätze einüben: etwa das Trillern mit dem 4. Fin­ger, das Legatospiel in Dop­pel­grif­f­en mit Sait­en­wech­seln, die präzise Into­na­tion bei Terzen- und Sex­ten-Fol­gen, das Abstreck­en des 1. Fin­gers bzw. Streck­en des 4. Fin­gers, ohne die jew­eilige Lage zu ver­lassen, oder Fin­ger­sätze bei chro­ma­tis­chen Skalen.
Über solchen tech­nis­chen Fra­gen ver­nach­läs­sigt Dont keines­falls einen musikalisch ansprechen­den Gehalt der Etü­den ohne Pedan­terie oder geist­losen Drill. Dem Resümee von Paul Roczek ist nichts hinzuzufü­gen: „Gut und sorgfältig geübt, ver­helfen sie zu ein­er klaren, sauberen Tech­nik und einem sicheren Lagenge­fühl in der linken Hand sowie zu ein­er flex­i­blen Bogen­führung und der Beherrschung der wichtig­sten Stricharten.“

Gisel­her Schu­bert